50. Was ist Yoga?
Besucher: Swamiji, wie definiert man Yoga?
Swamiji: Yoga bedeutet letztendlich Meditation; es ist eine Übung des Geistes. Es ist auch eine Übung des Körpers, doch im Grunde ist es eine Übung des Geistes. Es ist mehr ein Denksystem als eine Methode, die physikalisch angewendet wird. Unter Yoga versteht man nicht, etwas zu tun, sondern etwas zu denken, was ganz nebenbei „Selbstsein“ (in sich Selbst zu sein) bedeutet, denn, das was man ist, ist hauptsächlich das, was man denkt. Die Gedanken und das eigene Dasein sind untrennbar miteinander verbunden. Was auch immer man ist, beginnt mit dem Denkprozeß im Verstand. Der Verstand und das eigene Selbst sind untrennbar miteinander verbunden; man ist selbst der Verstand.
Das, was dem eigenen Körper widerfährt, ist nicht so bedeutsam wie das, was dem Verstand widerfährt. Glück und Unglück hängen mehr vom Zustand des Verstandes, als vom Zustand des Körpers ab. Auch wenn der Körper widerstandsfähig und sehr gesund ist, kann man innerhalb einer Sekunde durch eine andere Art des Denkens, das den Verstand befällt, unglücklich werden. Darum ist physische Gesundheit nicht gleichbedeutend mit Glückseligkeit. Zum Unglücklichwerden ist nur ein einziger zerstörerischer Gedanke erforderlich. Er wird das Gleichgewicht aller Dinge durcheinander würfeln.
Der Urwurzel des Seins, dem Denkprozeß, muß mehr Bedeutung in der Kunst des Denkens beigemessen werden als der physikalischen Übung. Ich sage damit nicht, daß physikalische Übungen nicht notwendig sind. Sie sind notwendig, doch sie sind nicht alles. Wie allgemein bekannt ist, ist der Mensch mehr als nur Körper. Die eigenen Gefühle und Gemütsbewegungen, das Verstehen und die Gedanken sind weitaus lebendigerer Ausdruck im eigenen Leben, als die physikalische Erscheinung.
Ich komme zu dem Punkt, daß Yoga die Kunst ist, den Verstand in eine speziell zugewiesene Richtung zu kanalisieren. Die Schwierigkeit liegt darin, die Richtung zu erkennen. Der Verstand muß fest gegründet sein und dazu gebracht werden, sich in diese vorgegebene Richtung zu bewegen. Wo liegt der Weg? Das ist die Hauptfrage. Yoga beginnt mit der Antwort auf die Frage: Was habe ich zu denken?
Es ist nicht so einfach zu verstehen, was Leben ist. Es bezieht sich nicht nur auf das, was man ist, sondern es beinhaltet auch die Beziehungen zu anderen Menschen. Dies ist auch ein Teil des Lebens. Das Leben spielt sich nicht nur im eigenen Körper ab, sondern es hat auch mit den Beziehungen zu anderen Menschen zu tun, die das eigene Leben wiederum beeinflussen, denn das ist man ebenfalls selbst. Alles, was irgendwie auf einen selbst Einfluß nehmen kann, ist man selbst, darum betreffen soziale Kontakte nur jemanden selbst. So ist man nicht nur eine individuelle geistige und physische, sondern auch eine soziale Persönlichkeit. Manchmal kann die Gesellschaft jemanden, unabhängig davon, was mit Körper und Geist geschieht, zu etwas machen oder auch nicht. Doch das ist nicht alles. Es gibt noch mehr Dinge, die einen Menschen ausmachen.
Starke Windböen, strömender Regen und außerordentliche Hitze oder Kälte können ebenfalls jemanden beeinflussen. Dies ist eine andere von Beziehung, die von der Natur ausgeht, - so kann man sich leicht vorstellen, wie kompliziert die eigene Persönlichkeit ist. Man ist nicht nur der eine Mensch dieser Art. Dies ist eine falsche Vorstellung.
Zuerst habe ich erzählt, daß man ein Körper ist, der Übungen ausführt. Dann habe ich gesagt, daß man auch Verstand, Gefühl, Verstehen usw. ist. Dann sagte ich auch, daß das noch nicht alles ist - man hat auch soziale Beziehungen, und daß die ganze Menschheit Einfluß nehmen kann. Nun sage ich, daß darüber hinaus die ganze Natur Einfluß nehmen kann. Sogar die Sonne, die am Himmel scheint, hat uns etwas mitzuteilen; sie kann irgend etwas tun oder unterlassen - über solche Macht verfügt die Sonne. Und schließlich hat Gott zu guter Letzt auch etwas zu sagen. Es ist der Schöpfer des Universums.
Die eigene Persönlichkeit besteht somit aus einer Anordnung von Ebenen (physikalisch, geistig, emotional, sozial, kosmologisch, natürlich und göttlich), die alle in einer systematischen Anordnung organischer Vollkommenheit zusammen gebracht, das Gefühl hervorrufen, sich wie ein riesiges kosmisches Individuum zu empfinden.
Diese Idee, eine begrenzte Person zu sein, muß aufhören. Man ist etwas Größeres als das, was man glaubt, zu sein. Wenn man das einsieht, hat man einen großen Fortschritt in der Korrektur des eigenen Lebens erzielt. Es ist die erste Stufe im Yoga, und wenn es sich fortsetzt, wird die Freude unbeschreiblich sein. Man wird fühlen, von jedermann beschützt zu werden. Die Gesellschaft, Gott, der eigene Verstand und die Natur werden Freunde sein. Man wird in einer Welt von Freunden leben. Auf diese Weise kann man glücklich werden.
51. Methodische Werkzeuge:
Mike: Welche Beziehung gibt es zwischen Kontemplation und Handlung?
Swamiji: Es gibt gefühlsmäßig einen feinen Unterschied zwischen beiden. Wenn man sagt, daß sie sich nicht unterscheiden, sondern identisch sind, ergeben sich keinerlei Fragen. Glaubst Du, daß es zwei unterschiedliche Dinge sind? Ist Meditation eine Beschäftigung und die Handlung als solche eine andere? Wenn das der Fall ist, gibt es keine Harmonie und es besteht ganz sicher ein Widerspruch zwischen beiden; doch wenn die beiden nur zwei Namen für ein und dieselbe Sache sind, dann erheben sich keinerlei Fragen bezüglich der Ausübung beider Dinge, denn sie unterscheiden sich nicht.
Die rechte und die linke Hand tun zwei unterschiedliche Dinge; ich kann mit der rechten Hand schreiben und mit der linken etwas hochheben. Dies sind zwei unterschiedliche Handlungen, nicht wahr? Doch es sind Deine Handlungen und deshalb sind es auch keine unterschiedlichen Handlungen. Obgleich das Heben eines Gegenstandes und das Schreiben mit der Hand keine identischen Handlungen sind, - man könnte sagen, daß sie vollkommen gegensätzlich sind - bist Du es, der sie ausführt. Darum gibt es keinen Unterschied zwischen zwei unterschiedlichen Handlungsweisen, - ob man sie Meditation, Gemeinschaftsdienst oder sonst irgendwie benennt.
Dies alles hängt letztendlich von der Beziehung zwischen Dir und dem sozialen Umfeld ab. Bist Du ein völlig unabhängig, nach Befreiung suchendes Individuum, was sicherlich die wertvollste Sache wäre; oder bist Du auch mit der Gesellschaft verbunden und nicht vollkommen von ihr unabhängig, weil Du auch Pflichten gegenüber der Gesellschaft hast?
Hier erhebt sich die Frage hinsichtlich der Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Auf welche Weise ist man mit der Gesellschaft verbunden? Man kann sagen, daß man keine Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft hat: „Ich bin nur mir selbst gegenüber verantwortlich; auf welche Weise bin ich mit der Welt verbunden? Ich kann tun und lassen, was ich möchte.“ Jedermann ist unabhängig. Du kannst Deiner Wege gehen, und jeder andere kann seiner Wege gehen, welche Beziehung besteht also zwischen Euch? Dennoch scheint es sogar eine Beziehung zu den Bäumen und Bergen zu geben. Man kann nicht sagen, daß die Bäume, die Berge, die Sonne, der Mond und die Sterne ohne Beziehungen zu Dir sind.
Man atmet die Luft der Atmosphäre; man ist mit der Luft verbunden, oder ist man von ihr unabhängig? Man lebt im Sonnenlicht, ohne das man sterben würde; - ist man mit der Sonne und dem Mond verbunden? Man trinkt Wasser, das Gott allen Menschen gegeben hat; man ist mit dem Wasser verbunden, oder ist man vom Wasser unabhängig? Man braucht Wärme; ist man mit der Wärme verbunden, oder von ihr völlig unabhängig? Man benötigt Lebensraum; ist man vom Raum unabhängig, oder ist man mit dem Raum verbunden?
Ist man überhaupt in irgendeinem Sinne unabhängig? Oder ist man kosmologisch in einem Netzwerk von Beziehungen in die ganze Schöpfung eingebunden; in welchem Fall auch immer, nenn’ es Meditation, Arbeit, irgendeine Tätigkeit, alles findet im Rahmen der ganzen Schöpfung statt. Was sagst Du dazu?
Mike: Ich habe verstanden, daß Kontemplation und Handlung zwei Aspekte für ein und dieselbe Sache einer tiefergehenden Wirklichkeit sind, und wir haben sicherlich dabei herausgefunden, daß wir auf unserem eigenen Lebensweg und in unserem Wunsch, unser eigenes spirituelles Leben zu entwickeln, aufrichtig sein und anderen helfen sollten, es auch zu tun.
Swamiji: Insofern Du mit der kosmischen Einrichtung verflochten bist, gibt es so etwas wie „Dein und Mein oder etwas Eigenes“ nicht. Diese Wörter haben keine Bedeutung. „Mein Eigen“ kann auf die Dinge, die in der Welt geschehen, nicht angewendet werden. Man ist mit der ganzen erschaffenen Einrichtung organisch verbunden, deshalb gibt es solch eine Sache wie „Mein Eigen“ nicht. Dieses „Mein Eigen“ bedeutet das Universale Ganze. Die ganze Schöpfung ist „unser Eigen“. Gott hat jeden erschaffen, Gott hat die Welt erschaffen und niemanden von der Welt ausgeschlossen. Wenn man tiefer darüber nachdenkt, stellt man fest, daß es keinerlei Art von Widerspruch im Leben gibt, da niemand von der Welt ausgeschlossen ist. Die Suche nach Gott und die Suche nach Frieden in der Gesellschaft sind offenbar nicht zwei verschiedene Dinge, denn, wenn man überhaupt irgend etwas tut, so geschieht dies innerhalb des Terrains der Göttlichen Schöpfung.
Darum gibt es solche Dinge wie „Mein Eigen“ oder „Meine Befreiung“ nicht. Wenn man nach Befreiung sucht, muß man die Auswirkungen verstehen. Es ist die ganze Sache, mit der man verbunden ist, die sich erhebt. Ein Organismus kann nicht in zwei Teile geteilt werden, und das Universum ist ebenso ein Organismus wie der eigene Körper, wie die Gesellschaft, wie eine familiäre Beziehung, wie überhaupt alles. Die ganze Wirklichkeit ist ein Organismus, der nicht teilbar ist.
Wenn also eine Sache getan wird, werden gleichzeitig auch andere Dinge vollzogen. Erinnert sich jemand des alten Dichterspruches: „Wer eine Blume im Garten berührt, ruft damit eine Reaktion bei den Sternen am Himmel hervor?“ Es gibt keinen Unterschied zwischen Kontemplation und Handlung. Letztendlich gibt es auch keinen Unterschied zwischen Dir und mir.
Vor uns ist liegt die ganze Wahrheit des spirituellen Lebens ausgebreitet. Es ist das Göttliche Leben, welches nicht vom irdischen, sozialen oder sonst einer Art Leben getrennt werden kann. Alles Leben ist EINS, was bedeutet, daß, wenn immer man irgend etwas tut, es so aussieht, als wäre die ganze Welt in die Tätigkeit mit einbezogen. Man lebt kein individuelles Leben, sondern ein gesamtes Leben. „Persönliche Zufriedenheit“, „persönliche Befreiung“ sind Wörter, die in der Gesamteinrichtung des kosmischen Organismus keine große Bedeutung haben. Wenn Gott ein Ganzes ist, ist auch die Schöpfung ein Ganzes und jedes Individuum ist gleichermaßen ein Ganzes. Es existieren keine Bruchstücke und keine Zersplitterungen. Dies ist, so kann man sagen, ganzheitliches kosmisches Denken. Was ist also Deine Frage? Ich habe etwas gesagt und glaube, Deine Frage von meinem Standpunkt aus beantwortet zu haben.
Alan: Ich glaube, daß wir aus der geistigen Sicht Christlicher Tradition vielleicht auf neue Art und Weise oder zum ersten Mal die Einheit der ganzen Schöpfung in dem Sinne entdecken, daß wir nicht nur Mitglieder der Menschheit, sondern mit der ganzen Schöpfung wirklich verbunden sind; und ich denke mir, daß dies das Beste ist, was aus unserer Tradition hervorgegangen ist, aber zur Zeit verloren gegangen scheint.
Swamiji: Was ist verloren gegangen?
Alan: Die Einheit der Schöpfung. Das Bewußtsein.......
Swamiji: Du hast das Bewußtsein für die Einheit der Schöpfung verloren?
Alan: Ja. Das Bewußtsein dafür, daß wir alle wirklich miteinander verbunden sind.
Swamiji: Ja. Wir müssen uns darum die Tatsache der Universellen Existenz wieder bewußt machen und das unglückliche, begrenzte, endliche, selbstsüchtige, physikalische Bewußtsein usw. überwinden. So, glaube ich, können wir Gott wirklich verehren. Wie Gott zu denken und vielleicht auch wie Gott zu handeln, würde die größte Verehrung Gottes sein. Was sagst Du dazu?
Mike: In unserer Tradition war Jesus der größte Lehrer, der sagte: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst.“
Swamiji: Warum lieben? Du bist untrennbar mit Deinem Nächsten verbunden. Dies ist weitaus mehr als nur Liebe. Das eigene Selbst ist in Deinem Nächsten eingepflanzt. Das Selbst Gottes ist überall gegenwärtig, deshalb handelt es sich nicht nur um Liebe, sondern um weit mehr als das. Man muß weit freundlicher mit einem Menschen umgehen als nur in sozialer Art und Weise, - liebe den anderen Menschen auf dienende Weise. Es ist die Seele, die sich mit einer anderen Seele vertraulich unterhält, was weit mehr ist als ein soziales Lehren. Es ist ein göttliches Lehren.
Alan: Wir kennen von einem der Schüler Jesu’ eine Tradition, in der er die Menschen ermutigt, sich in den Geist Christi zu versenken, um die innerliche Einheit mit Christus zu finden.
Swamiji: Wenn wir so denken können, wie Christus dachte, würde es danach keine Probleme mehr geben. Wir müssen erkennen, was er dachte, und denken wie ER. Dann werden keine Probleme mehr auf Dich zukommen.
Mike: Vielen Dank.
Swamiji: Vielen Dank. Gott segne Dich. Wir hatten einen wunderschönen Satsanga. Satsanga bedeutet heilige Versammlung. Wir haben gerade eben an Gott gedacht, und ich glaube, ER hat sich über uns gefreut.
52. Wer ist Dein Nachbar?
Besucher: Wir fühlen , daß es etwas Besonderes ist, Indien und Dich, Swamiji, und all Deine Freunde zu besuchen. Wir fühlen uns wohl hier.
Swamiji: Es ist ein Vorrecht, Gott - auf welche Art auch immer - zu erfreuen.
Bruce aus Neuseeland: Ich nehme an, daß es dabei viele Wege gibt.
Swamiji. Ja, es gibt viele Wege. Es gibt Millionen von Wegen. Gott hat viele Millionen Ausdrucksformen, so daß es auch ebenso viele Wege gibt, IHM zu dienen, welche IHN, so glaube ich, zufriedenstellen. Es ist nicht leicht, IHN zufrieden zu stellen. ER ist eine schwierige Person, doch, wenn man einmal die Kunst erlernt hat, IHN zufrieden zu stellen, bleibt man unbelastet. Es gibt danach keine Probleme mehr.
Bruce: Das ist wahrlich schwer, nicht so einfach. Ist es für Menschen wie diese Leute hier, uns eingeschlossen, und für die ganze Menschheit gut, hierher zu kommen?
Swamiji: Es wäre besser, wenn Du die hier sitzenden Leute befragen würdest. Frage sie: „Ist es gut für Euch, hier zu sitzen, anstatt zum Markt zu gehen und Einkäufe zu machen?“
Bruce: Ist es gut für die Menschheit, hierher zu kommen?
Swamiji: Die Ladenbesitzer sind auch ein Teil der Menschheit, und wenn man die Menschen auf diese Weise glücklich macht, entspricht es dem Dienst an der Menschheit. Die Menschheit muß nicht notwendigerweise eine riesige Zahl von Menschen bedeuten. Selbst wenn man nur zwei Menschen dient, bedeutet das ein Dienst an der Menschheit, wobei es völlig in Ordnung ist, wenn sich die Anzahl der Menschen vergrößert. Ein jedes Herz möge erkennen, was gut ist, und das Herz entscheidet über die Bestimmung eines Menschen. Niemand kann jemand anderen darüber belehren, was gut für ihn wäre.
Jeder sagt: „Es ist gut.“ Der Tiger sagt sich, es ist gut, eine Kuh zu fressen. Und ein Bandit glaubt, daß es gut sei, einen Raub zu begehen; ein Politiker glaubt, daß es gut ist, noch größere Gewinne dadurch zu erzielen, in dem er die Massen ausbeutet. Jeder Mensch hat seine eigenen Ansichten darüber, was tugendhaft ist. Der ganze Punkt ist: „Was ist Tugend?“ Dies zu wissen, beantwortet dann jede Frage.
Es ist gut, Gutes zu tun. Es mag der Dienst an der Menschheit oder auch kein Dienst an der Menschheit sein, es mag alles Mögliche sein. Das Richtige zu tun ist gut; doch was ist das Gute? Dies ist entscheidend und beantwortet alle Fragen. Laß jemanden sagen, was gut und was nicht gut ist. Die ganze Philosophie, die ganze Religion des Menschengeschlechts ist in dieser Frage enthalten: Was ist Gut? Jeden berührt das, was gut ist, doch was ist Gut? Welche Idee verfolgt man damit? Laß das Herz eines jeden sich öffnen und diese Frage beantworten: Was verstehst Du unter „Gut“? Dann wird man dieser Tugend ständig nacheifern.
Es kann der Dienst an Gott sein, am Menschen, an Tieren, Bäumen und Pflanzen oder der Dienst an irgend etwas. All dies gehört zu der Frage von „was ist gut?“ Laß jeden, der hier sitzt, mir erzählen „was Gut ist“. Wenn die Antwort auf diese Frage gekommen ist, hat man keine Probleme mehr. Jeder schließt seinen Mund. Der Mund kann nicht geöffnet werden, denn wenn man etwas sagt, würde man in den nachfolgenden Schwierigkeiten gefangen sein. Darum ist es besser, nichts zu sagen und das zu tun, von dem man glaubt, daß es Gut ist. Ob es gut ist oder nicht, - wie auch immer -, denke, daß es Gut ist, und tu es.
Ein Indischer Besucher: Was immer die Schriften sagen ist Gut.
Swamiji: Was auch immer die Stimme des Herzens, unabhängig von den Schriften sagt, ist gut. Laß die Schriften irgend etwas sagen; was macht das schon? Man kann nicht gegen sein eigenes Gewissen handeln. Die Schriften mögen auf etwas verweisen und doch sagt das eigene Gewissen: „Nein, nein. Dies gilt nicht für mich.“
Wenn die Schriften sagen, daß die Hand aufgrund eines gestohlenen Bleistiftes abgehackt werden muß, ist dies auch ein Gesetz. Stimmst Du damit überein? Oder vergräbst Du jemanden für ein Vergehen, das er begangen hat im Sande, bis nur noch der Kopf herausschaut und bewirfst ihn dann mit Steinen? Ist das richtig, nur weil es irgendwo in den Schriften erwähnt wird? Was meinst Du dazu?
Indischer Besucher: Für mich sind dies, so scheint es, von Menschen gemachte Schriften.
Swamiji: Dies ist ein anderes Argument dafür, daß man sich nicht so sehr um die Schriften kümmern sollte. Wir sollten nicht an den Buchstaben glauben. Laß die Schriften „Schriften“ sein. Was meint Ihr dazu? Was sagst Du dazu? Was sagt die Stimme Deines Herzens?
Jede Regierung der Welt hat ein eigenes Verteidigungsministerium, um sich vor Angriffen zu schützen. Es besteht keine Notwendigkeit für ein Verteidigungsministerium, es sei denn, jemand greift an. Doch jenes besondere Gebiet, von dem ein Angriff erwartet wird, hat ebenfalls ein Verteidigungsministerium. Es gibt kein Land, das ein Angriffsministerium eingerichtet hätte. Wenn niemand angreift, wozu benötigen wir ein Verteidigungsministerium? Dies hat etwas mit der Beantwortung Deiner Frage zu tun.
Ist es gut, ein Verteidigungsministerium zu haben, weil man seinem Nachbarn mißtraut? Wenn man seinem Nachbarn nicht mißtraut, benötigt man auch kein Verteidigungsministerium. Dies widerspricht dem Gesetz: „Liebe Deinen Nächsten (Nachbarn), wie Dich selbst.“ Wo bleibt die Nächstenliebe, wenn man ein Verteidigungsministerium aufrecht hält? Jedes Land hat dieses Ministerium. Kein Land der Welt ist von dieser Schwierigkeit befreit. Ist es gut, seinem Nachbarn zu mißtrauen und immer auf der Hut vor ihm zu sein? Wer der Meinung ist, daß dies nicht richtig ist, muß feststellen, daß es niemanden in der Welt gibt, der das Richtige tut. Alle sind voller Furcht, und zwar nicht vor Tieren, Schlangen, Skorpionen und Tigern; - es ist die Furcht des Menschen vor dem Menschen.
Du sprichst über den Dienst an der Menschheit. Du dienst derselben Menschheit, vor der Du Dich fürchtest, und Du mußt Waffen und all das produzieren, um Dich selbst gegen diese Leute zu schützen. Man muß sich nur vor den Menschen schützen, nicht vor Tigern, denn diese greifen nicht an. Es ist Dein Bruder, der Dich angreift, und darum benötigst Du Polizei und Militär zu Deiner Sicherheit.
Du fürchtest Dich vor derselben Person, der du dienst. Hier ist ein Widerspruch in der Psyche, im Gedanken selbst. Der Verstand sagt: „Sei vorsichtig gegenüber dieser Person.“ Doch zur gleichen Zeit sagt der Verstand: „Diene diesem Menschen.“ Was ist dies für eine Art von Gedanke? Wer ist denn Dein Nachbar?
Bruce: Die Schriften der Christen sagen, jeder ist Dein Nachbar.
Swamiji: „Nachbar“ ist ein Wort, welches grammatikalisch bedeutet: „Jener, der Dir am nächsten ist.“ Derjenige, der Dir nahe ist, ist Dein Nachbar. Nun, ich glaube, daß die Erde, auf der Du sitzt, Dir am nächsten ist. Diese Erde, dieser Boden auf dem Du kauerst, berührt Dich. Die Erde selbst ist der teuerste und nächste Nachbar. Und diese Erde scheint ein Planet zwischen vielen anderen zu sein, die die Sonne umkreisen und diese, wie ihre eigene Seele verehren.
Wenn unser nächster und teuerster Nachbar in Gestalt der Erde, auf der wir sitzen, die Sonne als ihren teuersten und nächsten Nachbarn betrachtet, wird die Sonne auch unser Nachbar sein. Die Sonne am Himmel ist eine sehr gute „Person“! Ohne sie könnten wir nicht atmen. Und die Sonne gehört zur gesamten Galaxis. Die Galaxis kann einiges über die Gesamtorganisation des Sonnensystems erzählen; und die Galaxis wiederum wird durch den weiteren Raumzeit-Komplex kontrolliert. Wer ist also Dein Nachbar, - der ganze Raum und die Zeit, die gesamte lebende und nicht lebende, sichtbare und unsichtbare Schöpfung, die Du verstehen und auch nicht verstehen kannst.
Das Zentrum des Kosmos wird für Dich zum nächsten Nachbarn. Es sieht so aus, als wäre dieses Zentrum Millionen von Lichtjahren entfernt, doch es befindet sich ohne, wie man sagt, ‘begrenzten Umkreis’ überall. Dies ist Dein teuerster Nachbar. Doch wo sitzt Du nun wirklich? Worin liegen in diesem Zusammenhang unsere Pflichten? Dies sind Fragen, zu denen eine Antwort, - nicht von mir, sondern aus dem Herzen eines jeden Menschen - , kommen muß.
Manchmal, wenn jemand im Begriff ist zu sterben und seinen letzten Atemzug macht, mag er seine Pflicht viel besser erkennen, als zu Lebzeiten. Wenn der letzte Atemzug vollzogen wurde, wird man seine Pflicht erkennen. Woran wird man denken, wenn man dabei ist, diese Welt zu verlassen? Man wird dann erkennen, wer der Nachbar ist, der unverzüglich zu Hilfe eilt.
Derjenige ist Dein Nachbar, der unverzüglich kommt, um Dir zu helfen, wenn Du Deinen letzten Atemzug vollbracht hast; erzähl mir, wer dieser Freund ist. Alle anderen Freunde werden Dich verlassen, doch ein Freund ist dort, der genau in diesem Augenblick kommen wird, um dir zu helfen. Ein Freund in der Not ist ein wahrhafter Freund; doch Deine Not liegt darin, daß Dein Atem stirbt. Wer kommt dir zu Hilfe? Doch es gibt jemanden, den wir aufgrund des Egoismus der menschlichen Natur vollkommen vergessen haben. Genau dann wirst Du erkennen, was Deine Pflicht ist und wer Dein Nachbar ist.
Das „Gute“ daran ist „Das“, was Dich in die Lage versetzt, jenen teuersten Nachbarn zu lieben, der genau dann, wenn du in Not bist, zu dir kommen wird, um dir zu helfen. Damit habe ich ein Streiflicht auf die Frage geworfen, was Wirklich „Gut“ ist. Es ist gut, Deinen Nachbarn zu lieben und herauszufinden, wer Dein Nachbar ist.
53. Krieg
Israelischer Besucher: Wie denkst Du über Krieg?
Swamiji: Als irakischer Staatsbürger müßtest Du der Auffassung sein, daß die Vereinigten Staaten sich aggressiv verhalten, und das ist sehr schlimm. Doch angenommen, Du bist ein Bürger Amerikas; dann würdest Du vielleicht die Meinung von Mr. Bush teilen, vorausgesetzt, Du findest ihn sympathisch.
Es ist letztendlich eine Frage der Konsequenzen, die man zieht. Eine Handlung kann nur aus der möglichen Konsequenz ihrer Ausführung oder Nichtausführung heraus beurteilt werden. Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Nichtausführung? Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn man etwas unternimmt? Gebrauche die Umsicht eines Staatsmannes. Staatsmänner sind jene Menschen, die sich die Zukunft aufgrund von Schlußfolgerungen aus der Sicht heutiger Bedingungen vorstellen können. Sie unternehmen nichts, ohne nicht vorher genau darüber nachgedacht zu haben, welche Konsequenzen es letztendlich haben wird, wenn man irgendwelche Schritte durchführt oder nicht durchführt? Diese zwei Konsequenzen gilt es abzuwägen und zu überlegen, was richtig sein könnte.
Israelischer Besucher: Kann man das Ergebnis bereits vorhersehen, wenn man eine dieser beiden Seiten abwägt, - „lohnt es sich dann noch?“
Swamiji: Wie Du richtig sagst, Krieg ist niemals gut. Niemand wird sagen, daß Krieg gut ist, doch warum beginnen die Menschen damit, wenn er nicht gut ist? Jeder, der mit Krieg beginnt, weiß, daß er nicht gut ist. Warum läßt man sich dennoch darauf ein? Vielleicht deshalb, weil, wenn man nicht mit Krieg anfängt, es noch schlimmer kommen könnte. Aus schlecht könnte noch schlechter werden. Es könnte falsch oder auch richtig sein; das ist eine andere Sache. Würde der Krieg nicht geführt, würde es noch schlimmer sein; darum führe den Krieg und es ist schlecht (d.h. weniger schlimm). Es ist eine Wahl zwischen schlecht und noch schlechter; das Schlechtere ist nicht gut, doch das Schlechte ist besser. So wird die Wahl getroffen.
Wir können dies jetzt nicht diskutieren, denn wir befinden uns nicht am Ort des Geschehens und können weder etwas sehen, noch sind wir gedanklich direkt damit verbunden. Unser Urteil ist rein theoretisch. Du hast mir eine theoretische Frage gestellt, ohne die tatsächlichen Einflüsse auf die Auswirkungen zu kennen.
Israelischer Besucher: Ich komme aus einem Land, wo es viele Kriegshandlungen gibt, und ich weiß, daß dieser Krieg beispielsweise durch mein Land - ich komme aus Israel - zu einem anderen Zeitpunkt geführt werden würde, wenn nicht Amerika bereits jetzt den Krieg führen würde. Doch ich versuche die Sache nicht nur von diesem Standpunkt aus zu betrachten, denn ich weiß, daß das sehr subjektiv ist, denn ich bin schließlich Israeli.
Swamiji: Ja, Du bist Israeli. Du wünschst Dir sicherlich, daß Israel beschützt werden und daß es niemand angreifen sollte, nicht wahr?
Israelischer Besucher: Ja, das ist wahr.
Swamiji: Was wirst Du unternehmen, um Dich selbst zu schützen?
Israelischer Besucher: Die Frage ist, ob der Selbstschutz wichtiger ist als die Sicherheit anderer Leute?
Swamiji: Die Sicherheit anderer Leute ist ebenfalls notwendig. Du möchtest natürlich niemanden töten, doch Dein Land sollte ebenfalls beschützt werden. Wie willst Du Dein Land denn schützen? Wie willst Du das bewerkstelligen?
Israelischer Besucher: Viele Leute sind der Meinung, daß man angreifen muß, um sich zu schützen, andere wiederum sagen.....
Swamiji: Normalerweise haben alle Länder Streitkräfte zur Verteidigung, doch niemand hat Offensivkräfte. Weißt Du, was Offensive bedeutet?
Israelischer Besucher: Es bedeutet Angriff.
Swamiji: Es gibt Verteidigungsminister und vieles mehr. Man nennt sie nicht Offensivminister. Warum solltest Du Dich verteidigen, wenn Dich niemand angreift? Wen gilt es anzugreifen? Niemand greift an, denn jeder will sich nur verteidigen. Was sagst Du dazu? Jeder hat einen Verteidigungsminister und keinen Offensivminister. Doch zuerst sollte jemand angreifen, bevor man sich verteidigt. Doch niemand sagt, daß er angreift, - jeder will sich nur verteidigen. Wo liegt nun der strittige Punkt? Wer ist der Angreifer?
Israelischer Besucher: Das ist wahr.
Swamiji: Doch gewöhnlich spricht man nicht so. Derjenige, von dem gesagt wird, daß er angreift, sagt von sich selbst, daß es nicht so ist, und daß er sich nur gegen möglichen Ärger verteidigen will. Er möchte sich nur gegen zukünftigen Ärger verteidigen, obgleich dies wie ein Angriff aussieht. Dies wird er von sich behaupten, obgleich man sagen kann, daß er einen Fehler gemacht und eine Offensive gestartet hat.
Versetze Dich in die Lage des Führers eines Landes und denke mit seinem Verstand. Was wirst Du zu der Zeit machen? Dies ist die Antwort auf Deine Frage. Angenommen, ich bin der Kopf dieses besonderen Landes; was werde ich zu der entsprechenden Zeit machen? Wie wird mein Verstand arbeiten? Momentan beurteilst Du jemand anderen. Das ist nicht gut. Beurteile Dich zuerst selbst als beteiligten Menschen, - was wirst Du zu der Zeit unternehmen? Dann wird Dir Dein Herz sagen, was gut für Dich ist.
Das Leben besteht, wie im Falle des eigenen Körpers, aus einem ständigen Auf und Ab. Schöpfung und Zerstörung finden im Organismus simultan und ohne Zeitverzögerung statt, um eine höhere Überlebensform zu erreichen. Dies ist im Falle der Menschheit ebenso wie bei der Natur als Ganzes.
54. Wer ist ein Guru?
(aus dem Buch: Antwort auf deine Fragen)
Rita: Welche Rolle hat ein Guru?
Swamiji: Wer auch immer Dich führt, ist ein Guru. Wen auch immer Du als über Dir stehend betrachtest, von dem Du Segen und Führung erhalten kannst, ist ein Guru. Solange bestimmte Dinge für Deinen Verstand nicht klar sind, mußt Du natürlich jemanden aufsuchen, der Dich führt. Wenn alles für Dich klar ist, brauchst Du niemanden mehr aufzusuchen. Der Guru ist solange erforderlich, wie bestimmte Dinge nicht vollständig klar sind.
Rita: Worin besteht die Beziehung zwischen dem Guru und einem Schüler?
Swamiji: Guru ist jemand, der einen Menschen in die Technik der Gott-Verwirklichung einführt und den Schüler, so lange es erforderlich ist, stetig führt, bis dieser in der Meditationstechnik zur Gott-Verwirklichung selbständig fortfahren kann. Die Beziehung ist wie bei einem Lehrer zu einem Schüler. Es gibt keine andere Beziehung.
Ein Guru ist genau genommen nicht irgend jemand, der etwas unterrichtet. Er ist nicht nur eine Verbindung zum Lernen (von etwas). Die Verbindung liegt im Geist, dem göttlichen Geist. Das Lernen steht erst an zweiter Stelle. Du magst lernen oder auch nicht; das ist eine andere Sache, doch der Geist muß darin enthalten sein. Aus diesem Grunde ist derjenige ein Guru, der Dich bis zu dem Zeitpunkt führen kann, wo eine solche Führung nicht mehr erforderlich ist.
Ein Guru kann nicht gewechselt werden. Wenn man einmal seinen geistigen Führer gewählt hat, bleibt er es immer. Man kann die Führung nicht von Zeit zu Zeit wechseln.
Rita: Steht die Wahl eines Gurus in Beziehung zu einer Verbindung aus der Vergangenheit?
Swamiji: Jeder Kontakt hat seine Verbindung zur Vergangenheit, nicht nur zu einem Guru, sondern zu allem. Die Vergangenheit bestimmt die gegenwärtigen Verbindungen und das gilt für alle Arten von Kontakten.
Rita: Was geschieht, wenn der Guru seinen Körper aufgibt? Verbleibt eine Art von Individualität oder löst er sich einfach im Universum auf?
Swamiji: Wenn er seine Individualität beibehalten möchte, dann mag er eine Wiedergeburt annehmen. Wenn er jedoch keine Wiedergeburt annimmt, ist keine Individualität mehr vorhanden und die Beziehungen lösen sich ebenfalls auf. Es handelt sich ausschließlich um eine Beziehung mit Gott, mit DEM er verschmolzen ist. Doch, wenn er seine Individualität bewahrt hat, kann natürlich die Beziehung fortgesetzt werden.
Man kann grundsätzlich keine Beziehung mit dem Absoluten haben. Das ist nicht möglich, es sei denn, man verschmilzt selbst im Absoluten. Wenn der Guru im Absoluten verschmilzt, gibt es keine Beziehung mehr. Man kann nichts zurück behalten. Dies ist eine andere Form der Beschreibung davon, daß es sich um eine Beziehung mit Gott handelt. Doch wenn man an seiner Individualität festhält, wird sich die Beziehung fortsetzen. Sie wird sich selbst in der nächsten Geburt fortsetzen. Wenn es jedoch keine Individualität oder Persönlichkeit mehr gibt, ist auch keine Beziehung mehr möglich, denn man kann keine Beziehung zum Absoluten haben. Nur außerhalb dieser Ebene sind Beziehungen möglich.
Rita: Wenn sich jemand immer noch auf der persönlichen Ebene befindet....
Swamiji: Dann wird sich die Beziehung selbst in der nächsten Geburt fortsetzen. Ob die Person lebt oder tot ist, das ist eine andere Sache. Die Beziehung wird sich fortsetzen. Wenn an einer Beziehung in diesem Leben festgehalten wird, wird sie im nächsten Leben fortgesetzt werden; doch, wenn die Beziehung aus irgendeinem Grunde zerbricht, dann wird sie nicht fortgesetzt. Wenn sie sich in diesem Leben fortsetzt, wird sie sich auch im nächsten Leben fortsetzen. Wenn sie aus irgendeinem Grunde in diesem Leben aufgehört hat, dann wird sie natürlich im nächsten Leben nicht fortgesetzt.
Rita: Swamiji, mir ist das nicht klar. Wenn sich ein Suchender noch auf der persönlichen Ebene befindet und der Guru ist mit dem Absoluten verschmolzen, was geschieht dann?
Swamiji: Dann ist kein Kontakt mehr mit diesem Menschen (Guru) möglich. Er ist überhaupt kein Mensch mehr. Ein Kontakt ist unmöglich. Dann muß man mit dem Absoluten Kontakt aufnehmen; das ist alles. Oder man muß sich einen anderen Guru suchen, oder Gott Selbst als Guru annehmen, denn der Kontakt mit dem Guru ist eine andere Art von Kontakt mit Gott. Warum sprichst Du also von Guru und all dem? Es handelt sich nur um Gott. Jemand, der in Gott verschmolzen ist, ist Gott allein und nicht mehr länger ein Guru. Er ist keine Person mehr und somit auch kein Guru. Er ist Universales Sein und darum kann man auch nicht an einer persönlichen Beziehung festhalten. Ansonsten ist eine Beziehung nur in niedrigeren Ebenen möglich.
Rita: Woher weiß man, ob der Guru im Absoluten verschmolzen ist.
Swamiji: Man weiß es nicht; das ist nicht möglich. Man muß einfach daran festhalten, daß er nicht im Absoluten verschmolzen ist, wodurch die psychologische Beziehung erhalten bleibt. Gott segnet Dich dafür auf seine Weise. Viele Suchende betrachten Gott als eine Person, was auch auf irgendeine mysteriöse Weise funktioniert. Obgleich Gott in Wirklichkeit keine Person ist, kann man IHN als solche anrufen, so daß ER, entsprechend der individuellen Gefühle des Rufers, als Person antwortet.
Sean: Wenn sich der Guru nicht in Gott verwandeln kann, dann muß er Gott selbst sein?
Swamiji: Warum nur ER? Jeder ist das. Du selbst bist wesenhaft Gott allein.
Sean: Darum ist die Beziehung zum Guru eine Beziehung zu Gott und ändert sich nicht, wenn der Guru seinen Körper verläßt?
Swamiji: Man kann keine Beziehung zu Gott haben, da ER unpersönlich ist, es sei denn, man betrachtet IHN als eine Person. So etwas wie unpersönliche Beziehungen gibt es nicht, denn unpersönlich bedeutet „nicht-außerhalb“. Wenn es „nicht-außerhalb“ ist, gibt es auch keine Beziehung.
Sean: Dann befindet sich also der Guru innerhalb eines jeden?
Swamiji: Warum sagst Du „innerhalb“? Er befindet sich überall.
Ein amerikanischer Besucher: Swamiji, in den USA gibt es eine Bewegung, die sagt, daß sich der Guru innerhalb eines jeden Menschen befindet, weshalb man nicht nach einem Guru zu suchen braucht.
Swamiji: Dies ist eine sehr voreilige Bemerkung von Leuten, die die Wichtigkeit der Situation nicht verstanden haben. Wenn der Guru sich innerhalb eines jeden Menschen befindet, so muß sich auch die Welt innerhalb befinden, und warum reist Du dann von einem Ort zum anderen? Es kann sich nicht nur eine Sache innerhalb befinden und die anderen Sachen draußen bleiben. Es kann sein, daß der Guru sich in gewissem Sinne innerhalb befindet, doch er befindet sich auch außerhalb.
Warum besuchen die Menschen Hochschulen und Universitäten, wenn sich die Universität im Herzen befindet? Kann man nicht alle Hochschulen und Universitäten in der Welt schließen, weil sie sich ja im Herzen befinden? Sie befinden sich in gewissem Sinne innerhalb, doch das kann man nicht wörtlich nehmen. Es gibt Verständnisschwierigkeiten bei den Grundproblemen des Lebens, die eine Führung erforderlich machen.
Man geht zu einem Wissenschaftler, um Wissenschaft, und zu einem Philosophen, um Philosophie zu lernen. Jede Kunst und Wissenschaft bedarf einer Führung durch jemanden, der Experte auf diesem Gebiet ist; sonst könnte man sich ein Buch kaufen und ausschließlich durch das Lesen des Buches Fahrer, Ingenieur oder Astronaut werden, doch das ist unangemessen. Am Anfang bedarf es der Führung durch einen kompetenten Menschen. Später, in einem fortgeschrittenen Stadium, mag man eigenständig werden, doch anfänglich bedarf es der persönlichen Führung, sonst kommt man von rechten Wege ab.
Amerikanischer Besucher: Swamiji, ein Problem liegt darin, daß viele Menschen im Westen dazu neigen, unabhängig und frei zu denken. Sie wünschen es nicht, sich einer solchen Disziplin zu unterziehen.
Swamiji: Man muß verstehen, was mit „freiem Denken“ gemeint ist. Bedeutet es, zu denken, was man möchte, oder richtet sich das Denken nicht eher nach irgendeinem System oder einer Disziplin? Falls nicht, warum dann überhaupt denken? Dann kann man das Denken auch lassen. Es wird sonst nur zu einer ziellosen Bewegung des Verstandes werden. Freiheit und Erlaubnis sind (wie Fahren und Fahrerlaubnis) zwei verschiedene Dinge. Wir mögen zwar die Freiheit haben, doch ohne Erlaubnis.
Die Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen umgehen, ist auch eine Art Disziplin. Wenn wir uns auf irgendeine Weise benehmen, wie wir es wollen, dann zerbröckelt eines Tages die Gesellschaft. Selbst die soziale Existenz würde ohne Verhaltensregeln unmöglich. Wenn wir uns auf irgendeine, uns angenehme Weise verhalten, werden sich andere ebenfalls auf ihre eigene Weise darstellen wollen. Dies nennt man Rebellion und nicht Gesellschaft.
Wir können nicht frei sein, wenn wir nicht ein wenig von unserer Freiheit aus Rücksicht auf die Freiheit anderer Menschen beschneiden. Die Freiheit, die wir anderen gewähren, begrenzt im selben Maße unsere eigene Freiheit, was nur durch Disziplin möglich ist. Wir können nicht die ganze Freiheit für uns selbst in Anspruch nehmen und anderen Menschen keinen Freiraum gewähren. Die Menschen sollten vernünftiger denken und nicht so hastige Aussagen machen.
55. Die Notwendigkeit eines Gurus
(aus dem Buch: Antwort auf deine Fragen)
Besucher: Nach meinen für mich geltenden Erfahrungen und dem Interesse am Leben von wirklich erleuchteten Menschen und Heiligen wie Krishnamurti, Ramana Maharshi und selbst Buddha, haben diese keinen Guru gehabt....
Swamiji: Jeder hatte eine Führung. Niemand hatte ein plötzliches Wachstum aus dem Nichts heraus. Sie alle hatten Lehrer und Führer, gleichgültig, ob Du sie kanntest oder nicht. Selbst Ramakrishna Paramahansa, der große Heilige aus Indien, hatte einen Guru. Warum sollte er einen Guru haben, wo er doch selbst ein Meister und für so viele Menschen ein Guru war? Dennoch hatte auch er aus gutem Grunde einen Guru.
Besucher: Das ist richtig.
Swamiji: Selbst Christus hatte einen Guru, und Krishna ebenso. Sie waren große Meister und wurden dennoch von einem Lehrer unterwiesen. Wenn man bereits das Stadium der Vollkommenheit erreicht hat, ist natürlich kein Guru mehr erforderlich; doch wer kann von sich behaupten, perfekt zu sein? Jedermann befindet sich nur auf dem Weg, weshalb es besser ist, jemanden über sich zu haben. Wer glaubt, daß sich niemand in der Welt über ihm befindet, für den ist kein Guru erforderlich; doch solange jemand der Meinung ist, daß es Menschen in der Welt gibt, die höher stehen, dann werden diese die Gurus sein.
Besucher: Ja. Ich verstehe.
Swamiji: Wenn Du sagst, daß es niemanden gibt, der über Dir steht, bist Du Dein eigener Guru. Doch niemand kann von sich behaupten, daß er am höchsten steht; wie sollte das möglich sein? Man muß ein bißchen demütiger sein. Es ist z.B. immer gut, ältere Menschen zu respektieren, denn dadurch wird man eines Tages gesegnet werden. Jeder kann Dir unter bestimmten Bedingungen helfen. Es gibt niemanden, der nicht in der Lage wäre, ein bißchen Hilfe zu leisten.
Auf diese Weise rettete einst eine Maus auch einen Löwen. Wie kann eine Maus einen Löwen retten? Kannst Du das verstehen? Ein Löwe schritt stolz einher, als ihm eine Maus begegnete. Die Maus sagte: „Komm mir nicht zu nahe. Ich kann Dir bei passender Gelegenheit sicherlich einmal behilflich sein.“
Der Löwe lachte: „Du Idiot, Du kleines Ding, wie willst Du mir helfen? Welche Hilfe kannst Du mir angedeihen lassen?“ Der Löwe lachte, doch die Maus sagte: „Nein, warte ab, eines Tages, wer weiß? Vielleicht kann ich Dir eines Tages bei irgendeiner Gelegenheit helfen.“
So geschah es, daß sich der Löwe eines Tages in einem Netz verfing. Es war sehr schwer für ihn, wieder heraus zu kommen. Der Löwe bemühte sich den ganzen Tag und konnte das Netz nicht zerreißen. Da kam die Maus: „Darf ich Dir helfen?“
„Selbstverständlich, wenn Du kannst!“ sagte der Löwe. Die Maus arbeitete die ganze Nacht. Sie nagte fortwährend an vielen Stellen an dem Netz, bis es sich löste. Der Löwe zerriß es und war frei, - dann rannte die Maus fort.
56. Nachdem der Guru seinen Körper verlassen hat
(aus dem Buch: Antwort auf deine Fragen)
John: Mein Problem ist, daß ich mich in meinem Herzen niemals sicher gefühlt habe, am richtigen Platz zu sein. Mein Guru, Paramahansa Yogananda, ist nicht in seinem Körper, so daß ich nur mit seinen Vertretern zusammen getroffen bin und mich dabei nie wirklich sicher gefühlt habe......
Swamiji: Er wäre selbst dann nicht in seinem Körper gewesen, wenn Du ihn gesehen hättest. Selbst da war er nicht im Körper. Die Menschen verehren ihre Eltern und hängen zur Erinnerung ein Photo an die Wand ihres Hauses; doch wenn die betreffende Person ihren Körper verläßt, wird das, was auf dem Foto abgebildet ist, entweder begraben oder verbrannt. Wer war nun derjenige, den man verehrte? War er die, für die Augen sichtbare und anhand der Photographie verehrte Person oder war sie etwas ganz anderes?
Wenn man jene Person als diejenige betrachtet, die man mit eigenen Augen gesehen hat, und wenn sie keine Bedeutung mehr hat, dann ergibt es keinen Sinn, diese Person quasi als wert- und bedeutungslos dem Fluß, dem Feuer oder der Erde zu übergeben; wenn der Mensch jedoch, an den man sich erinnert, nicht derjenige ist, den man mit eigenen Augen gesehen hat, dann beantwortet sich die Frage von selbst.
Es ist wie mit dem Wert eines Geldscheines, - ein auf Wahrnehmung beruhender Unterschied. Ein Geldschein ist nur ein Stück Papier, dessen Wert geringer als ein halber Pfennig ist, und dennoch kann es für Dich ein Tausenddollarschein sein. Woher kommt dieser Wert? Wenn der substantielle Wert, den man in der Hand hält, nicht einmal ein halber Pfennig ist, wie kommt es zur begrifflichen Aufwertung auf Eintausend Dollar? Der Wert ist also begrifflich und auf Wahrnehmung beruhend und abschätzbar, - nicht materiell, physikalisch und auf den Augenschein bezogen. Dies ist auf alles anwendbar, was wir in der Welt sehen, einschließlich des menschlichen Daseins und Gott Selbst.
Das Sichtbare entspricht nicht der Wirklichkeit; das Unsichtbare ist die Wirklichkeit. Dies erfordert einige Zeit der Überlegung und Abschätzung. Normalerweise denken wir nicht in diesen Mustern. Wir denken in den Bedingungen der Sinnesorgane, der physikalischen Objekte, der greif- und sichtbaren Dinge und glauben nicht, daß der tatsächliche Wert der Dinge nicht in dem ist, was sichtbar ist, sondern nur in unserem Denken.
Der Wert des Geldscheins ist in den Gedanken. Es handelt sich dabei nicht um den Wert der physikalischen Substanz. Man mag sogar ein Zertifikat mit einer Unterschrift des Bankdirektors über eine Einlage von der Bank haben, und doch befindet sich das Geld nur auf der Bank und nicht in der eigenen Hand. Man hat nur eine Unterschrift des Bankdirektors, und dennoch betrachtet man dieses Papier, als hätte man die ganze Welt in der Hand. Das Papier ist wertlos, es sei denn, man glaubt mit seinem Verstand an diesen Wert.
Alle Werte sind geistig, psychologisch, ideell und basieren auf dem Bewußtsein. Letztendlich sind nicht die sichtbaren Dinge, sondern nur das Bewußtsein Wirklichkeit. Du selbst bist nicht der Mensch, der vor mir sitzt und zu mir spricht. Keines dieser beiden abgegrenzten Bereiche der Beziehung in dieser Konversation kann als das Sprechen eines Körpers mit einem anderen betrachtet werden, - nichts dieser Art. Es spricht weder ein Körper mit dem andern, noch hört ein Körper dem anderen zu, vielmehr ist es das eigene Bewußtsein, das wahrnimmt, in welcher Art und Weise das andere Bewußtsein handelt. Es ist eine Konversation zwischen zwei abgegrenzten Bereichen des Bewußtseins, und diese können auf ewig dort sein, selbst wenn die Sichtbarkeit nicht mehr gegeben ist. Verstehst du diesen Punkt?
John: Ich nehme an, daß das Bewußtsein des Meisters vollkommen ist. Das Problem besteht darin, daß ich es nicht weiß.
Swamiji: Der Unterschied liegt nur darin, daß es ihm bewußt und Dir nicht bewußt ist, doch die Sache bleibt sich gleich. Du bist auch eine unsichtbare Wirklichkeit, obgleich es Dir möglicherweise nicht bewußt ist.
John: Sollte ich darum meine Bemühungen im Sadhana verdoppeln?
Swamiji: Ja, ja. Wir versuchen viele gute Dinge in dieser Welt zu erreichen, damit wir möglicherweise in einer besseren Zukunft die Früchte dafür ernten. Wenn uns keine Früchte aus den guten Taten zufallen, haben diese guten Taten keine Bedeutung. Wann will man nun die Früchte der guten Taten ernten, wohl wissend, daß die physikalische Existenz in dieser Welt widerruflich ist? Niemand weiß, wie lange er lebt. Wer wird in Kenntnis der Zerbrechlichkeit des physikalischen Körpers im Vergleich zur Hoffnung, diese Früchte guter Taten in der Zukunft zu ernten, wirklich ernten? Es ist nicht dieser Körper, was eine offenkundige Demonstration dafür ist, daß man selbst nicht der Körper ist.
Wenn man davon spricht, daß man die Früchte seiner guten Taten ernten wird, so spricht nicht der eigene Körper. Der Körper kann so etwas nicht sagen, denn er wird es nicht erleben, die Früchte jener guten Taten zu ernten. Er wird nicht einmal dorthin gehen können, wo die Früchte verteilt werden. Aus diesem Grunde ist es der Geist, das Bewußtsein, das spricht. Es ist das Bewußtsein, das uns sagt, daß man Gutes tun sollte, damit man eine gute Zukunft hat, und diese Zukunft ist für das Bewußtsein und nicht für den physikalischen Körper. Darum hat der physikalische Körper letztendlich keinen Wert. Er ist nur ein Fahrzeug, und der Lenker des Fahrzeugs ist wichtiger als das Fahrzeug selbst.
57. Die Guru-Schüler Beziehung
(aus dem Buch: Antwort auf deine Fragen)
Suzanne: Dies ist eine umfangreiche Frage und darum stelle ich sie in zwei Teilen.
Swamiji: Die Antwort wird kurz sein.
Suzanne: Diese Frage betrifft nicht nur mich, sondern jeden. Sie bezieht sich auf die Schüler, - nicht nur auf die Suchenden und Ergebenen, - die sich nicht in der körperlichen Nähe zum Guru befinden..
Swamiji: Der Schüler befindet sich nicht in der körperlichen Nähe zum Guru?
Suzanne: Einige schon; - doch wie weiß der Guru, was mit jenen, die nicht in seiner körperlichen Nähe sind, geschieht?
Swamiji: Was meinst Du mit „geschehen“?
Suzanne: Alle ernsthaften Dinge im Leben eines Schülers, der zu seinem allgegenwärtigen Guru vollkommenes Vertrauen hat.
Swamiji: In unser aller Leben geschieht etwas. Es gibt niemanden, bei dem nichts geschieht. Wie lautet also Deine besondere Frage?
Suzanne: Angenommen, ein Schüler sagt: „Ich habe Vertrauen. Ich gehe und lebe mein Leben. Ich möchte meinen Guru hin und wieder sehen; er sieht mich und segnet mich.“ Der Guru sagt: „Geh. Du brauchst nicht bei mir zu bleiben. Tue, was auch immer Du für Dein Leben für richtig hältst.“ Der Schüler glaubt nun, daß nichts Dramatisches geschehen wird, und dennoch geschieht etwas. Ich denke, Swamiji, daß jedem alles zustoßen kann....
Swamiji: Bist Du der Meinung, daß das, was Du als Dramatisch bezeichnest, einem Menschen nicht widerfahren sollte?
Suzanne: Kann es nicht durch den Guru verhindert werden? Ist ihm nicht bewußt, was geschieht? Meine Frage lautet, ob es ihm bewußt oder nicht bewußt ist?
Swamiji: Die Geschehnisse im Leben eines Menschen stammen nicht aus der Schöpfung eines Gurus, noch ist er dafür verantwortlich. Was auch immer jemandem widerfährt, es geschieht aufgrund der Einflüsse, die durch die eigenen Gedanken und Taten aus früheren Leben erschaffen wurden. Möchtest Du nun sagen, daß diese Handlungen aus den früheren Leben ihre Folgen nicht hervorbringen sollten?
Suzanne: Nein. Weiß der Guru davon? Ist er sich der Geschehnisse bewußt?
Swamiji: Wenn er es wüßte, welchen Vorteil erhoffst Du Dir dadurch für Dich?
Suzanne: Ich möchte gerne wissen, ob er Kenntnis davon hat.
Swamiji: Angenommen, er weiß es. In welcher Weise betrifft es Dich? Möchtest Du, daß er die Einflüsse aus früheren Handlungen aufhält?
Suzanne: Nein, nein. Dies ist Ursache und Wirkung. Das verstehe ich. Dies ist „Prarabdha Karma“ (Summe des Karmas aller früheren Leben).
Swamiji: Wenn sich Dein Herz vollkommen mit der Seele des Gurus vereint hat, wird er sich verantwortlich zeigen und dich führen, und er wird bestimmte Konsequenzen aus zurückliegenden Karmas lindern, aber nicht verhindern können. Angenommen, ein Chirurg muß operieren und dabei ein Körperglied amputieren, was große Schmerzen verursacht, - diese Schmerzen werden durch die Anästhesie gelindert. Genauso handeln auch Gott oder der Guru, wer dies auch immer sein mag, wie Anästhesisten, wenn der Schüler unliebsame Erfahrungen durchmachen muß, - die Erfahrungen jedoch können sie nicht verhindern. Diese Erfahrungen müssen durchgemacht werden, denn man muß für alle seine Taten bezahlen.
Suzanne: Selbst mit dem Tod?
Swamiji: Selbstverständlich auch mit dem Tod, wer könnte ihn vermeiden?
Suzanne: Manchmal wird er verhindert, Swamiji. Wir haben in Büchern von großen Seelen gelesen, die den Tod ein wenig hinausgeschoben haben.
Swamiji: Was hast Du gegen das Sterben?
Suzanne: Ich habe nichts dagegen. Es betrifft nicht mich persönlich, Swamiji.
Swamiji: Möchtest Du als alte Frau bis in alle Ewigkeit leben?
Suzanne: Nein, Swamiji, ich bin bereits sehr alt.
Swamiji: Warum sagtest Du dann, daß es kein Sterben geben sollte? Tod ist der Umwandlungsprozeß einer ganzen Persönlichkeit in eine neue Persönlichkeit, die vielleicht besser als die gegenwärtige ist. Wer könnte also sagen, daß der Tod etwas Schlechtes ist? Das ganze Universum unterliegt diesem Evolutionsprozeß, und die Evolution ist nichts weiter als die Beendigung zurückliegender und der Eintritt in neue Bedingungen. Möchtest Du den Evolutionsprozeß vollständig unterbinden?
Suzanne: Nein, es mag sicherlich sehr gut sein. Doch geschieht das alles mit oder ohne das Wissen des Gurus?
Swamiji: Das, was als Tod bezeichnet wird, ist die Beendigung früherer Bedingungen und die Erschaffung neuer Bedingungen, die man Wiedergeburt nennt. Das ist weder gut noch schlecht; es ist notwendig. Worauf willst Du letztendlich hinaus?
Suzanne: Meine Frage bezog sich auf das Bewußtsein des Gurus.
Swamiji: Wenn ihm bewußt wäre, was geschieht, welchen Vorteil hättest Du davon?
Suzanne: Warum sollten wir dann überhaupt einen Guru haben, wenn wir keinen Vorteil davon hätten?
Swamiji: In Wirklichkeit weiß Gott allein, was Dir geschieht. Warum möchtest Du also einen Guru? Wenn Gott selbst in der Lage ist zu wissen, was geschieht, warum möchtest Du dann einen „kleineren Gott“?
Suzanne: Es gibt keinen kleineren Gott. Es gibt nur einen Gott.
Swamiji: Dann nenne ihn Guru. Und deshalb kann es auch nicht viele Gurus geben. Es gibt nur einen Guru und jeder ist nur Schüler eines einzigen Gurus.
Suzanne: Ja, aber die Menschen glauben nicht daran, Swamiji. Jeder sagt von sich, daß er einen anderen Guru hat. Woran liegt das?
Swamiji: Es gibt einen Guru der Gurus, der weder sterben noch verloren gehen wird, denn ER ist zeitlos und unterliegt nicht dem Zeitprozeß. Halte an IHM fest, dann offenbaren sich alle Gurus sofort selbst und man hat keine Probleme mehr. Vielleicht glaubst Du, daß der Guru ein Mensch ist. Ist es das, woran Du glaubst?
Suzanne: Nein. Es fing einmal so an und der Kontakt findet auf dieser Ebene statt.
Swamiji: Der Guru ist kein menschliches anatomisches Gerippe, das man mit den Augen sehen kann. Es ist das Leben, das durch einen Körper handelt; gibt es sonst noch einen Unterschied zwischen einem Guru und einem Schüler? Beide sind anatomisch und physiologisch gleiche Wesen. Sie nehmen die gleiche Nahrung zu sich, atmen dieselbe Luft und machen die gleichen Erfahrungen; doch es gibt einen Unterschied. Der Unterschied liegt in dem Licht, das die Persönlichkeit des Gurus durchdringt, und welches bei anderen Menschen nicht so konzentriert gegenwärtig ist. Der Guru ist Bewußtsein, das wie ein Mentor oder Schutzengel handelt.
Manchmal kündigt man an, daß eine große Persönlichkeit kommt. Wenn man dies sagt, bedeutet es nicht, daß ein großer Körper kommt. Nein, denn die Größe dieses Menschen liegt nicht in der Länge und Breite des Körpers, sondern im Bewußtsein, das in dieser Erscheinung wirkt. Die wirkliche Größe besteht in der Intensität des Bewußtseins, das in diesem Menschen strahlt. Wenn das Bewußtsein verdeckt ist und nicht ordentlich arbeitet, sieht es so aus, als ob sich eine normale Kreatur umher bewegt.
Wenn Dein Herz mit etwas vereint ist, weiß dieses Etwas, was mit Dir geschieht. Es kann der Guru sein oder irgend etwas anderes; selbst ein Baum wird Dir antworten, vorausgesetzt Dein Herz hat sich mit ihm verbunden.
Suzanne: Swamiji, bedeutet das, daß das Bewußtsein des Suchenden oder Schülers ebenfalls zum Universum des Bewußtseins wurde, obgleich es sich von der Bewußtseinsebene des Lehrers unterscheiden kann?
Swamiji: Ja, das ist richtig. Wenn sich Dein Herz mit etwas vereint hat, was auch immer dies sein mag, wird Dir dieses Etwas wie eine Mutter antworten. Die Ganga wird zu Dir sprechen, die Berge der Himalayas, die Sonne, der Mond und die Sterne werden zu Dir sprechen. Es gibt hier nur Freunde, die alle Deine Gurus sind.
58. Die Wahrheit leben
Patrick: Ich möchte herausfinden, was es bedeutet, in der Wahrheit zu leben.
Swamiji: Wenn es Dir im Verstand vollkommen klar ist, was Wahrheit bedeutet, und Dein Verlangen danach ebenso klar ist, warum sollten noch so viele Fragen offen sein? Die Wahrheit zu sein, bedeutet, die Wahrheit zu leben. Das ist alles. Wenn man zur Wahrheit wird, kann man annehmen, daß man die Wahrheit lebt. Worin liegt also das Problem? Es ist so klar. Wenn die Sache für Dich klar ist, gibt es keine Fragen mehr.
Es ist so, als würde man fragen, wie man sich bewußt sein kann, daß es jetzt Tag ist. Niemand würde eine solche Frage stellen, da es klar ist. Wenn man sich also bewußt ist, daß man in der Wahrheit ist, lebt man bereits in der Wahrheit. Das ist alles; die Sache ist damit beendet. Danach gibt es keine Fragen mehr. Nur, wenn man noch nicht in die Wahrheit eingetreten ist, befindet man sich außerhalb der Wahrheit, woraus sich die Frage ergibt, wie man mit ihr leben kann.
Patrick: Ist es für einen Menschen, der die Erfahrung der Wahrheit, die sich jenseits des Verstandes befindet, noch nicht gemacht hat, möglich, sein Leben wie in einem Spiegel der Wahrheit zu leben?
Swamiji: Man kann in dieser Vorstellung leben, obgleich man in Wirklichkeit noch nicht in die Wahrheit eingetreten ist. Es ist eine der Stufen. Man kann sie begrifflich erfassen und in dieser geistigen Vorstellung leben, obgleich man in Wirklichkeit noch nicht in sie eingetreten ist. Es ist eine vorbereitende Stufe.
Patrick: Es gibt viele Menschen, die meinem Gefühl nach eine unmittelbare Erfahrung von dem gehabt haben, was sie sind, und dennoch sind sie nicht vollständig in dem Wissen gefestigt, so daß sie manchmal in ihre alte Gemütsbewegung zurückfallen. Sie haben zwar das Wissen....
Swamiji: Wenn sie wirklich in die Wahrheit eingetreten sind, können sie nicht in die alte Gemütsbewegung zurückfallen. Falls die Möglichkeit des Rückfalls besteht, haben sie die Wahrheit nicht vollständig betreten. Sie haben sie nur begrifflich und nicht wirklich entdeckt.
Patrick: Was sehen die Menschen, die Selbstverwirklichung erreicht haben.
Swamiji: Selbstverwirklichte Menschen sehen niemanden als „andere“. Die Frage bezüglich „andere“ ergibt sich nicht. Sie werden nur EINES überall sehen; die „anderen“ sind auch in die Sicht des EINEN eingeschlossen. Wenn man den Ozean sieht, sieht man das ganze Wasser. Es gibt keine Notwendigkeit, die unterschiedlichen Tropfen zu sehen. Die Frage bezüglich „anderer Menschen“ erhebt sich nicht, denn sie sind mit dem Universalen Sein vereint.
Man selbst, die anderen, alle sind innerhalb des Einen SEIN’, so daß sich die Frage bezüglich Mein und Dein nicht erhebt. Der Gedanke wird durch das Universale SEIN handeln. Er wird nicht durch die einzelne Person handeln - weder durch diese, noch durch jene Person. Der Gedanke handelt vollständig durch das Kosmische SEIN. So arbeitet ES.
59. Zuneigung und die Natur der Unwissenheit
Patrick: Kann Zuneigung, wie beispielsweise bei den Gopis zu Krishna, zu Unterscheidung führen?
Swamiji: Die Unterscheidung kommt zuerst, erst danach kommt die Zuneigung und Hingabe. Ohne Unterscheidung kann es keine Zuneigung geben. Zuneigung gibt es nur zu etwas, das letztendlich wirklich ist, und wie will man die Wirklichkeit ohne Unterscheidung erkennen? Darum setzt Zuneigung Unterscheidung voraus. Wie wollte man sich der Wirklichkeit hingeben, solange man sie nicht wirklich kennt? Die Gopis haben erkannt, was letztendlich Wirklichkeit bedeutet; darum wenden sie sich Krishna zu und betrachten Krishna als letztendliche Wirklichkeit. Sonst würden sie sich irgend etwas anderem zuwenden.
Ein Amerikanischer Besucher: Führt das Entfernen von Unwissenheit zu intuitivem Verstehen oder aufgeweckter Erkenntnis, oder muß intuitives Verstehen erlernt werden?
Swamiji: Wenn die Unwissenheit beseitigt wird, bleibt nichts mehr zu tun. Alles ist klar wie das Tageslicht. Unwissenheit ist wie die Nacht; wenn sie vorübergeht, ist man im Tageslicht der Erleuchtung. Es bleibt nichts weiter zu tun. Nachdem die Unwissenheit vorüber ist, gibt es keinen Handlungsbedarf mehr. Alles ist vollkommen, denn das Ziel der Suche ist die Erleuchtung, was gleichbedeutend mit der Abschaffung der Unwissenheit ist. Wenn also die Unwissenheit vergeht, gibt es auch keine Probleme mehr. Alle Hindernisse beruhen auf Unwissenheit. Wenn diese Unwissenheit vergeht, gibt es also auch keine Hindernisse mehr.
Besucher: Kann man Unwissenheit dadurch ausrotten, in dem man damit aufhört unwissend zu reagieren?
Swamiji: Unwissenheit kann nicht durch Unwissenheit entfernt werden. Das wäre sonst so, als würde ein Dieb der Freund eines anderen Diebes werden. Unwissenheit kann nur durch Erkenntnis entfernt werden. Man sagt, daß es verschiedene Grade der Unwissenheit gibt: Viel Unwissenheit im Tamas; ein wenig Unwissenheit in Rajas; und transparente Unwissenheit in Sattva. Die transparente Unwissenheit kann, obgleich es eine Art Unwissenheit ist, einen Suchenden in die Lage versetzen, von den niederen, Rajasischen und Tamasischen Unwissenheiten, befreit zu werden. Von diesem Standpunkt aus kann man sagen, daß Unwissenheit die Unwissenheit entfernen kann.
Lehrer und Schüler führen beide ein menschliches Dasein, und doch unterscheiden sie sich im Grad des Verstehens. Obwohl es Stufen der Unwissenheit gibt, kann die höhere Form der Unwissenheit dem Suchenden helfen, die niedere Form zu entfernen. Wenn dies angewandt wird, verschwindet auch die höhere Unwissenheit.
Normalerweise verwendet man hier ein Beispiel, das als „Seifennuß“ bekannt ist. Es handelt sich dabei um eine Nuß, die am Baum wächst und in Indien zum Wäsche waschen genutzt wird. Selbst heutzutage kann man sie auf dem Markt kaufen. Wenn man sie reibt, kommt Schaum heraus, genauso wie bei richtiger Seife. Diese „Seifennuß“ beseitigt den Schmutz und setzt sich danach ab. Bei der „Seifennuß“ handelt es sich aber auch um eine Art von Schmutz, denn es verbleibt eine Ablagerung, die jedoch nicht an der Kleidung kleben bleibt, sondern den Schmutz von der Kleidung entfernt und sich dann absetzt. Genauso verhält es sich mit der höheren Unwissenheit Sattvischer Natur, die die niederen Rajasischen und Tamasischen Unwissenheiten entfernt und sich schließlich selbst absetzt.
Manchmal, wenn man sich einen Dorn in den Fuß getreten hat, entfernt man diesen Dorn mit einem anderen Dorn in Form einer Nadel aus dem Fuß. Beides sind lediglich Dornen, doch ein Dorn hilft beim Entfernen eines anderen Dornes. Auf diese Weise kann eine Unwissenheit beim Entfernen einer anderen Art von Unwissenheit helfen. In diesem Sinne hast Du recht, daß eine Unwissenheit beim Entfernen einer anderen Unwissenheit helfen kann.