Der Ganges

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Der Ganges auf dem indischen Subkontinent wird auch heute, in der modernen Industrie- und Informationsgesellschaft, noch als Heilig verehrt. Im Deutschen ist ‚der Ganges‘ männlich, doch in der Ursprache ist er weiblich und wird liebevoll ‚Mutter Ganga‘ genannt. Ich möchte aus gutem Grunde diesen Urbegriff verwenden, denn er erklärt auch, warum dieser große Strom Asiens als Heilig angesehen wird. Mutter Ganga ist 2600 km lang. Sie entspringt als Bhagirathi in den Himalayas, wird durch zwei weitere Quellflüsse (Jahnavi und Alknanda) in den Himalajas zu Ganga, nicht weit vom heiligen Ort Gangotri entfernt. Sie wird überwiegend aus sauberstem Gletscherwasser gespeist. Es heißt darum: sie kommt aus dem Himmel. Sie wird in vielen Gesängen und Mythen verehrt. Wenn ich in Indien bin, verbringe ich viele Stunden an ihren Ufern, um mehr von ihr zu erfahren, und um mich innerlich zu reinigen. An heiligen Orten finden immer wieder wundervolle, von uns Europäern kaum verständliche, Zeremonien (heilige Waschungen) statt, doch wenn wir diese Erscheinungsbilder auf uns wirken lassen, können wir etwas von ihrer Seelenhaftigkeit spüren.

Die Ganga hat viele Facetten, die ich an dieser Stelle nicht alle beleuchten kann, doch auf einige wesentliche Dinge werde ich eingehen: die Ganga wird als Mutter angesehen. Dazu muss man sich einfach bildhaft vorstellen, wie ihre Kinder zu ihr kommen, sich an ihre Schürze hängen, um sich von ihr trösten zu lassen. Mutter Ganga spendet jedem Trost, der zu ihr kommt, um irgendetwas zu erbitten. Sie gibt mit ihrem Dahinfließen herab von den Bergen, durch tiefe Täler, weite Ebenen, wo sie sich teilweise mühsam ihren Weg bahnen muss, bis zu dem Punkt, wo sie sich in den Golf von Bengalen auflöst, ein Beispiel für die Unbilden des Lebens, die wir bis in den Tod, wo die Seele in das Unendliche eingeht, durchstehen müssen. Sie nimmt allen Abfall, seelischen wie körperlichen, ohne zu murren in sich auf und spendet mit ihrem Wasser Leben für Menschen und Tiere, die am Fluss leben. Dieses Verhalten gibt ein Beispiel dafür, wie man es auch mit dem eignen Leben handhaben sollte. Das Wasser am Oberlauf, dort, wo es noch nicht verschmutzt ist, hat erwiesener Maßen heilende Wirkung. Es hat durch bestimmte chemische Substanzen einen selbstreinigenden Effekt, wie Untersuchungen ergeben haben. Die indische Regierung hat inzwischen eine Initiative ins Leben gerufen, um die Ganga vor Unrat zu schützen, was bei den indischen Verhältnissen sicherlich eine Jahrhundertaufgabe ist.

Mutter Ganga ist aus all den zuvor genannten Gründen auch für mich zu einer Heiligen geworden. Wenn ich an ihrem Ufer sitze, kann ich ihr alles erklären, sie versteht mich irgendwie, denn ich erhalte immer Antworten, selbst auf schwierigste Fragen, auch wenn ich diese Antworten manchmal erst Wochen oder Monate später wirklich verstehe. Als ich vor vielen Jahren das erste Mal wegen meiner Heimreise Abschied nehmen musste, kamen mir trotz meines hohen Alters die Tränen. Von den Swamis am Fluss wird immer wieder berichtet, dass sie sehr stolz sind, wenn sie ein Zellenfenster in Richtung Ganga ihr Eigen nennen dürfen, sodass die Mutter immer ein sichtbarer Zeuge ihres Handelns und ihrer Gebete bleibt. Am Fluss geht es oft sehr laut zu, doch birgt diese Geräuschkulisse auch den stillen Gruß der Ganga.

Die vielen Stunden an den Gestaden von Mutter Ganga haben inzwischen bei mir dazu geführt, dass ich mich ihrer nur zu erinnern brauche, damit sie auch hier zu Hause allgegenwärtig ist. Wenn ich an sie denke, vereinigen sich irgendwie unsere Seelen, wie bei Mutter und Kind. Sie reinigt mich, indem sie irgendwie durch mich hindurchfließt, und ihr Beispiel wird mir wieder allgegenwärtig. Ich bin gern ein Kind.