Die ‘Divine Life Society’ (dt.)
(Ziele, Grundsätze, Entwicklungsgeschichte, Verwaltung, Swami Sivananda)
Die Textbeiträge wurden von einigen Persönlichkeiten des Sivananda Ashram (Rishikesh, Indien) zusammengestellt. Dadurch kommt es manchmal in den einzelnen Abschnitten zu Wiederholungen.
übersetzt von Divya Jyoti
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -
Die ‚Divine Life Society’ und ihr Wirken
Die Divine Life Society ist ein leuchtendes Beispiel für den Schöpfungsaspekt des Göttlichen im Menschen. Dieses ist eine bemerkenswerte Errungenschaft des Gründers Swami Sivananda, der seit der Gründung im Jahre 1936 ein wundervolles Haus nach den Prinzipien von Reinheit, Redlichkeit, nobler Gesinnung und Großmut erbaut hat. Die Ideale der Society sind hoch gesteckt, höchst praktisch und von jedem Menschen erreichbar, egal welchen Ranges, welcher Kaste, welcher Hautfarbe, welchen Glaubens er ist oder aus welchem Land er kommt.
Die Institution kommt den kulturellen Notwendigkeiten aller Gesellschaftsschichten entgegen. Jeder kann hier für sich aufnehmen was ihm nach seiner Statur und seinem Intellekt am meisten zusagt.
Der heilige Fluss Ganges fließt direkt am Ashram vorbei. Er kommt aus den Eisregionen der Himalajas, führt mit sich die Botschaften der Seher und der Heiligen aus Vergangenheit und Gegenwart, um auf diese Weise Verbindung zu halten.
Ziele der Divine Life Society
Die grundlegenden Ziele sind rein spiritueller Natur, vollkommen unkonfessionell, universal anwendbar und tolerant ausgerichtet. Die Society bietet einen friedvollen Zufluchtsort, wo man die Möglichkeit zur Wiederherstellung des inneren Friedens für den von Schrecken geplagten, Konflikt beladenen und psychologisch traumatisierten modernen Menschen hat.
Swami Sivananda war ein berühmter, warmherziger Heiliger mit der Passion, allen Lebewesen zu helfen. Der Hauptsitz der Divine Life Society befindet sich in Rishikesh, Indien. Die Divine Life Society wurde im Jahre 1936 gründete. Swami Sivananda erklärte, dass das Lebensziel die Selbstverwirklichung ist. Der Mensch ist Teil des absoluten Geistes und trägt einen Funken von Göttlichkeit in sich selbst. Es ist das Geburtsrecht eines jeden Menschen, die absolute Göttlichkeit zu erreichen, die in der menschlichen Struktur verankert ist.
Das Ideal der Divine Life Society ist, alle Menschen mit der ihr innewohnenden Göttlichkeit vertraut zu machen. Die ethische Grundlage der Society sind Reinheit, Redlichkeit, eine edle Gesinnung und Großmut. Es ist das Bemühen der Society, den normalen Menschen mit den höheren Idealen großer Seher und Heiliger der Vergangenheit und den alten Schriften vertraut zu machen.
Swami Sivananda fasste seine Lehren in wenige Begriffe zusammen: Diene, Liebe, Gib, Reinige dich, Verwirkliche, sei gut und tue Gutes, sei freundlich und habe Mitleid. Dieses sind auch die Inhalte der vier Yoga-Pfade, um absolute Göttlichkeit zu erreichen. Er nannte diesen Weg: ‚Synthese des Yoga’ oder ‚Integraler Yoga’. Auf diese Weise bemüht sich die Divine Life Society um das spirituelle Erwecken des Einzelnen, doch überlässt sie jedem Einzelnen die Wahl seines Yogaweges. Jeder sollte für sich selbst seinen Weg hin zu Vollkommenheit und Glückseligkeit finden und auswählen.
Swami Sivananda Maharaj betonte, dass die Grundprinzipien aller Religionen gleich sind. Alle Religionen und alle Heiligen versuchen dieselbe Wahrheit zu vermitteln. Das Leben Swami Sivanandas und seine Lehren basieren auf diese universale Wahrheit und sind gleichermaßen für die Menschen aller Religionen, Glaubensrichtungen und Länder anwendbar. Die Divine Life Society basiert auf diese umfassende Vision und die erhabenen universalen Werte aller Religionen. Darum ist die Mitgliedschaft bei der Divine Life Society allen spirituellen Suchern offen, gleichgültig welchen Glaubens und welcher Nationalität. Das Ziel ist es, den Menschen zu einem wahren Menschen werden zu lassen, einen Hindu zu einem wahren Hindu, einen Christen zu einem wahren Christen und einen Muslim zu einem wahren Muslim usw.
Die Mitgliedschaft bei der Society steht jedem offen, der sich bemüht, göttliche Qualitäten der universalen Liebe, der Selbstlosigkeit, Reinheit, Redlichkeit, eine edle Gesinnung usw. durch die Praxis von Wahrhaftigkeit, Reinheit, Gewaltlosigkeit und universaler Liebe zu entwickeln. Die Society hat weltweit mehr als 400 Zentren und viele kleinere Zentren.
Swami Sivananda war als Kenner der Vedanta und als praktizierender Vedantin bekannt. Obwohl die Divine Life Society auf höhere Ideale begründet ist, bietet sie moderne und ganz pragmatische Unterstützung an:
- Publikationen von Büchern, Vorträgen und Videos, auch im Internet. Es wird im Sivananda Ashram eine besondere Atmosphäre zur spirituellen Praxis angeboten.
- Es gibt Aktivitäten, um Kranke und Mittellose im ashrameigenen Hospital kostenlos zu behandelt. Das Hospital wird ausschließlich von Spenden finanziert. Dem Hospital ist eine Apotheke angeschlossen, wo Medizin kostenlos an Arme abgegeben wird.
Swamiji versicherte, dass durch regelmäßige spirituelle Praxis absolute Glückseligkeit, Frieden und Glück, selbst für Eheleute, in einem ganz normalen weltlichen Leben möglich ist. Die Aktivitäten der Divine Life Society sind nicht nur auf das Hauptquartier in Indien und die verschiedenen Zentren in aller Welt beschränkt, sondern helfen auch jedem Einzelnen in seinem ganz persönlichen Umfeld. Der wirkliche Erfolg, das Großartige dieser Institution liegt in der Inspiration von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, die sich auf dem aufstrebenden Pfad bewegen, um als Ziel ihres Lebens, ihre Persönlichkeit zum Besseren zu wandeln.
Grundsätze der Divine Life Society:
- Es gilt zu verstehen, dass das Leben inhaltlich und in seiner Bedeutung göttlich ist.
- Jeder sollte danach streben, Vollkommenheit zu erreichen, indem das im Inneren versteckte Göttliche schrittweise entblättert wird.
- Äußere Kontakte sollten ehrenwert sein. Nicht nur die Gedanken, sondern auch die
Sprache und die Handlungen sollten verfeinert werden.
- Ein gesellschaftliches Leben steht der inneren Befreiung nicht im Wege. Selbst wenn man Befreiung erlangt hat, sollte das selbstlose Dienen fortgesetzt werden.
I. Die Divine Life Society wurde gegründet, um spirituelles Wissen zu verbreiten:
a) Dazu gehört die Publikationen von Büchern, Vortragstexten und Magazinen, die sich mit alter östlicher und westlicher Philosophie, Religion und moderner Medizin befassen. Die Verbreitung wird durch ein Gremium (Board of Trustees) überwacht.
b) Ein weiterer Punkt ist das Propagieren des Namens des Herrn. Dazu werden spirituelle Kurse, Konferenzen und Sadhana-Wochen abgehalten. Außerdem werden Sankirtan oder spirituelle Zusammenkünfte für das Singen des Namens des Herrn veranstaltet.
c) Durch das Einrichten von Yogazentren für spirituelle Sadhanas (spirituelle Praxis), zur Wiederbelebung einer reinen Kultur; durch aufrichtiges Dienen, aufrichtige Hingabe, Weisheit, Redlichkeit und weiterführende Meditation; durch systematisches Training von Asanas (körperliche Übungen), Pranayama (Atemtechnik), Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation) und Samadhi (überbewusster Zustand) wird dem Suchenden in diesen Zentren die Möglichkeit gegeben, sich spirituell weiterzuentwickeln.
d) Durch all diese notwendigen Maßnahmen wird ein moralisches, spirituelles und kulturelles Aufsteigen der Menschheit im Allgemeinen hin zu den o.a. erwähnten Idealen – in Indien: Bharatavarsha – erst möglich.
II. Die Divine Life Society wurde gegründet, um Ausbildungszentren zu unterhalten:
Vielerorts besteht die Möglichkeit, in Yogazentren gegen Entgelt oder unentgeltlich die existierenden Schriften und vergleichbare Religionen auf höchst einfache Weise kennen zu lernen.
III. Die Divine Life Society wurde gegründet, um Waisenkinder und Mittellose zu unterstützen:
Hierzu werden speziell in Indien Selbsthilfegruppen (z.B. Leprastationen, so genannte Auffangstationen für bedürftige Kranke, Waisenhäuser usw.) gegründet bzw. wird im Einzelfall besondere medizinische Unterstützung gewährt.
IV. Die Divine Life Society hat Hospitäler und Medizinstationen eingerichtet.
Dazu zählen auch die zahlreichen Leprastationen und Krankenstationen für Mittellose, Gestrandete und für die allgemeine Bevölkerung Indiens zur Behandlung ihrer Krankheiten bis hin zu speziellen Operationen an ausgewählten Instituten.
V. Die Divine Life Society unterstützt bei besonderen Notfällen
Zu diesen Notfällen zählen besondere Maßnahmen bei Katastrophen jeglicher Art, wie z.B. zur Unterstützung der Bevölkerung bei Erdbeben, Tsunami und anderen Problemen in der Welt.
Die Divine Life Society wurde 1936 in Indien als gemeinnützige Gesellschaft gegründet und erfüllt ihre o.a. Ziele in der Welt uneingeschränkt.
Eine kurze Einführung in die Entwicklungsgeschichte der Divine Life Society
Wenn man Ziele und Zwecke der Divine Life Society verstehen möchte, muss man sich mit dem Leben und den Lehren Swami Sivanandas befassen. Wenn man die Natur dieser göttlich inspirierten Persönlichkeit, seine Großzügigkeit und seine Liebe zu den Menschen erkennt, kann man das Herz und die Seele der Organisation verstehen, die sich um Swamiji herum entwickelt hat.
Dr. Kuppuswami, der junge Sucher, der später als Swami Sivananda weltberühmt wurde, verließ seine medizinische Wirkungsstätte Malaysia, um dem spirituellen Ruf zu folgen und als demütiger Sucher nach Indien zurückzukehren. 1924 begegnete er mehr zufällig dem Wandermönch Swami Viswananda in Rishikesh. Sie blieben nur kurze Zeit zusammen, doch dieser Swami erkannte die Fähigkeiten dieses jungen Doktors. Swami Viswananda bot Dr. Kuppuswami die Einweihung in den heiligen Sannyasaorden an. Damit begann für den Doktor ein Leben der Zurückgezogenheit und des Dienens. Er erhielt den Namen Swami Sivananda. Nun begannen für ihn Jahre der Disziplin, Meditation und des Dienens, was in einem spirituellen Erwachen mündete und die bereits dynamische Persönlichkeit Swamijis in eine noch höhere Ebene der Erleuchtung transformierte.
Zuerst fand er ein kleines Quartier in Kolghat, wechselte jedoch bald darauf in den Brahmananda Ashram in die Nähe von Rishikesh. Dann kam er ans Ostufer des Ganges zu einem kleinen Platz, genannt Laxman Jhula. Swami Sivananda wollte seinen medizinischen Service unbedingt fortführen, was ihn dazu veranlasste eine kleine Klinik zu eröffnen, die als Satya Seva Ashram Apotheke bekannt wurde. Swamiji hielt jeden Morgen und Nachmittag je zwei Sprechstunden ab. Dieses machte er mehrere Jahre lang. 1924 fand er eine andre kleine Behausung (Kutir) im Swarg Ashram auf der gegenüberliegenden Gangesseite. Hier verbrachte er die folgenden zehn Jahre. In diesen Jahren befasste er sich intensiv mit Meditation, spiritueller Praxis und dem Dienen, was ihn selbst von den vielen anderen Mönchen in der Umgebung abhob.
Swami Sivananda sprach niemals über seine Erleuchtung, doch kann man davon ausgehen, dass er irgendwann in den zehn Jahren (1924-1934) im Swarg Ashram eine unmittelbare göttliche Erfahrung hatte, die ihn als begeisterten Sucher zu einem spirituellen Riesen transformierte, zu der er später einmal werden sollte. Seine in Worte gekleidete Spiritualität wurde immer bekannter, und viele Schüler kamen zu ihm, suchten seine Lehren und baten um seinen Segen. Es wurde immer schwieriger, all die Besucher in den eingeschränkten Räumlichkeiten des Swarg Ashrams zu beherbergen. Es wurde schnell klar, dass eine notwendige Veränderung bevorstand. Man entschied 1934, auf die westliche Uferseite des Ganges zu wechseln, was im Januar 1934 in die Tat umgesetzt wurde.
Doch es gab keinen Platz für die Unterbringung von Swami Sivananda und seine Schüler. So bezog man vorübergehend einen Kuhstall. Später wurde der Maharaja von Tehri auf die Not leidende Gruppe von Swamis aufmerksam und gab ihnen ein Stück Land, auf dem der Ashram gegründet werden konnte. Das Leben war unter den gegebenen Umständen sehr hart, doch die Freude in der Gegenwart eines großen Meisters zu sein, war für die Schüler Grund genug zu bleiben. In jenen frühen Tagen waren die Schüler Swami Swarupananda, Swami Atmananda und Swami Paramananda die Säulen des Ashrams. Dieser Kern hingegebener Anhänger wurde zur Basis für die Entwicklung und das Aufblühen der Divine Life Society.
Swami Sivananda, der von seinen Schülern liebevoll Gurudev genannt wurde, wurde gelegentlich nach Punjab und nach Uttar Pradesh (indische Provinzen) eingeladen, um Sankirtan (hingebungsvolle Gesänge) und Konferenzen zu leiten. Während einer Rückkehr von einer dieser Konferenzen mit seinen Schülern erhielt Gurudev den Rat, den Ashram offiziell registrieren zu lassen. In dem großen Geist „erledige alles sofort“, verließ er den Zug an der nächsten Station in Ambala am 13. Januar 1936 und ließ die „The Divine Life Society“ amtlich registrieren. Der Sivananda Ashram wurde zum Hauptquartier der Divine Life Society.
Das Verbreiten von spirituellem Wissen durch Bücher und Schriften
Der erste Punkt der Ziele der Divine Life Society war und ist das Verbreiten von spirituellem Wissen, was auch die höchste Priorität Gurudevs war, denn er wollte alles mit allen teilen. Nachdem er das Absolute erreicht hatte, kannte sein Eifer keine Grenzen, diese Erfahrung mit anderen zu teilen. Er wollte die ganze Menschheit spirituell erwecken. Er schrieb in einer einfachen verständlichen Weise über dreihundert Bücher, wobei er die Leser direkt ansprach, so als würde er jeden persönlich an die Hand nehmen. Er hatte das Talent, das höchste Wissen dem normalen Menschen nahe zu bringen. Er versuchte niemals sein Wissen hervorzukehren oder irgendjemand damit zu beeindrucken, sondern er stellte sich vielmehr auf eine Stufe mit dem Leser. Das Ergebnis: seine unnachahmlich spirituelle Schreibweise rief in vielen Millionen von Lesern in der ganzen Welt ein spirituelles Aufwachen hervor, und bewegte sie den spirituellen Pfad zu betreten. In den frühen Tagen hatte er kaum das Geld, um eine Laterne zu kaufen. Eine leere Tintenflasche diente als Behälter für Petroleum und Docht. Er konnte sich kein Papier leisten. Darum sammelte er alte Briefumschläge, schnitt sie an drei Seiten auf und benutzte die Innenseite. Kein Hindernis war zu groß, nichts konnte seinen Eifer bremsen, sein spirituelles Wissen zu verbreiten.
Swami Sivananda veröffentlichte sein erstes Buch 1929. Die „Yoga-Praxis, Teil 1“, und viele andere folgten seit der Zeit. Um die Verteilung des Wissens besser zu organisieren, traf man 1939 die Entscheidung, die „Sivananda Publication League“ zu gründen, die viele Buchveröffentlichungen möglich machte. Die „SPL“, wie sie auch genannt wird, wurde in den vielen Jahren seither immer größer, und veröffentlichte auch Bücher von Swami Chidananda, Swami Krishnanda, Swami Brahmananda und anderen bekannten Swamis der Divine Life Society. Die „SPL“ bietet derzeit ca. 150 Titel zum Verkauf in Indien und der ganzen Welt an, die im Sivananda Ashram gedruckt wurden. (Eine große Zahl von Büchern steht auch als e-Books im Internet zum Download zur Verfügung.) Viele Titel wurden in diverse Sprachen übersetzt und veröffentlicht.
Angesichts der Tatsache, dass es häufig schwierig war und ist, Bücher schnell und kostengünstig zu drucken, wurde eine eigene Druckabteilung eingerichtet und der Fertigstellungsprozess (Binden, Versand usw.) organisiert. Aus diesem Grund wurde 1951 die „Yoga Vedanta Forest Press“ gegründet und eine alte Druckmaschine installiert. Doch es brauchte noch zwei Jahre bis der Ashram an das Stromnetz angeschlossen wurde, sodass in der ersten Zeit Hand- bzw. Fußarbeit erforderlich war. Swami Dayanandaji und Sri Narasimhuluji waren 35 Jahre lang die treibenden Kräfte für die Druckerei. Ihrem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass Gurudevs Bücher immer schnell und problemlos gedruckt werden konnten. Neben der Veröffentlichung von Büchern entschied man sich, ein monatliches spirituelles Magazin für die Allgemeinheit zu drucken. Die erste Ausgabe des Magazins „The Divine Life“ erschien 1938. Das Magazin wird nun seit 67 Jahren regelmäßig an die Schüler in alle Welt verschickt. Es erscheint in verschiedenen Sprachen, u.a. auch als „Divya Jivan“ in Hindi. Der Inhalt des Journals enthält Artikel über Philosophie, Religion ebenso wie praktische Hinweise zur spirituellen Praxis.
Wohltätige Einrichtungen
Swami Sivananda hatte ein großes Herz. Kein menschliches Problem oder noch so kleiner Wunsch wurde einfach ignoriert. Schon früh war Gurudev an der Ausweitung medizinischer Hilfe interessiert. Als die Divine Life Society und der Sivananda Ashram expandierten, wurde auch die kostenlose medizinische Hilfe immer weiter ausgedehnt. Nachdem man eine Apotheke eingerichtet hatte, folgte im Sivananda Ashram 1950 ein Hospital, das von allen Bedürftigen in Anspruch genommen werden konnte. Die Behandlung im Hospital sowohl als auch die notwendige Medizin waren und sind kostenlos. Das Hospital hat sich zu einem 30-Bettenhaus mit Operationssaal, Krankenhausapotheke, Röntgenabteilung, Labor und einer gynäkologischer Abteilung entwickelt. Drei Ärzte und ihre Assistenten behandeln ambulante wie aufgenommene Patienten kostenlos. Gegenwärtig werden täglich durchschnittlich 500 Patienten versorgt. Man darf an dieser Stelle Frau Dr. Devaki Kutty nicht vergessen, die über viele Jahre das Krankenhaus administrativ geleitet und nebenher die gynäkologischen Untersuchungen durchgeführt hat.
Weiterhin wurden 1945 eine ayurvedische Apotheke und 1956 eine Augenklinik eingerichtet. Angesichts der notwendigen Behandlung von Lepra, TB und AIDS bei den Ärmsten der Armen, den Alleinstehenden und Verlassenen in unmittelbarer Umgebung, wurde „Sivanandas Home“ (Tagesklinik mit Unterbringung) ins Leben gerufen. Die Divine Life Society unterhält vier Zentren ausschließlich zur Behandlung von Leprakranken, zwei auf Kosten der Society und zwei davon, die allein durch Spenden finanziert werden. Außerdem wird von der Society ein unabhängiges Leprazentrum im indischen Bundesstaat Orissa finanziert. Darüber hinaus werden durch die „Laxman Jhula Leprosy-Klink“ ambulante Leprapatienten verköstigt und medizinisch versorgt.
Die Divine Life Society engagiert sich bei einer Vielzahl wohltätiger Projekte. Es sind derart viele, dass man sie in diesem kurzen Text nicht alle aufzählen kann. Dennoch sollte man den Dienst an der Menschheit in vielfältiger Form erkennen. Da erhalten z.B. jedes Jahr ausgewählte Schüler Stipendien. Es gibt einen Fonds für in Not geratene Menschen, unentgeltliche Mahlzeiten, kostenlosen Unterricht, Räume zur freien Verfügung, ein schwarzes Brett und kostenfreie Yoga-Ausbildung für jeweils zwei Monate inkl. Unterkunft und Verpflegung in der Yoga-Vedanta Forest Akademie in der Hauptverwaltung der DLS in Rishikesh. Der Ashram ist offen für Besucher aus aller Welt. Alle Besucher erhalten (Anmeldung erforderlich) freie Unterkunft und Verpflegung. Viele Bücher, Schriften, Magazine usw., die in verschiedenen Sprachen erscheinen, werden in Indien und der ganzen Welt kostenlos abgegeben. Es kann an dieser Stelle nicht alles aufgeführt werden. Man muss nicht besonders betonen, dass noch heute dem großzügigen Geist Swami Sivanandas gedient wird.
Der Sivananda Ashram und seine Entwicklung
Das Hauptquartier der Divine Life Society ist der Sivananda Ashram in Rishikesh im Norden Indiens am Ufer des Ganges. Die Anfänge des Ashrams waren zunächst sehr bescheiden, mit wenigen Gebäuden und Einrichtungen. Zu Anfang gab es nur wenige Gebäude am Fluss, wohin sich Gurudev mit einigen seiner Schüler zurückgezogen hatte. Man hatte nur eine einfache Küche und ein paar Unterkünfte. Später folgten, aus Spenden finanziert, weitere Gebäude. 1940 verfügte man über sechs Räume, ihr Name: Yoga Sadhana Kutir. Ananda Kutir, der Kern aller Aktivitäten im Ashram wurde durch Spenden von Anhängern ermöglicht.
Jetzt brauchte man unbedingt einen Ort der Versammlung, und so konnte am 2. April 1942 die Bhajan Hall feierlich eingeweiht werden. Über viele Jahre diente die Bhajan Hall für alle spirituellen Aktivitäten, d.h. für den täglichen Satsang, spirituelle Zusammenkünfte, besondere Pujas und andere Feierlichkeiten zu bestimmten Anlässen. Am 3. Dezember 1943 wurde hier mit dem Singen des Mahamantras für den Frieden in der Welt begonnen, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Dieses Mahamantra wird noch heute gesungen, ununterbrochen seit nunmehr über 60 Jahren. 1958 wurde neben der Bhajan Hall die Sivananda Säule errichtet, in die 20 spirituelle Anweisungen und Aussagen aller Weltreligionen eingemeißelt wurden und noch heute zu lesen sind.
Dort, wo sich heute der Sivananda Ashram ausdehnt, war früher ausschließlich Dschungel mit riesigen Bäumen. Niemand traute sich in diese Gegend, es war total einsam. Aus diesem Grund wählte sich Gurudev für seine Übungen und seine Meditation eine kleine Lichtung mitten im Wald, von der er sich inspiriert fühlte. Später wurde entschieden, genau an diesem Platz den Ashram zu errichten. Schüler aus Kalkutta sammelten das nötige Geld, und so konnte am 31. Dezember 1943 der Viswanath Tempel formell eingeweiht werden. Interessanterweise wurde Sri Sridhar Rao (Swami Chidananda), der spätere Präsident der DLS, auserwählt, die erste Puja im Tempel abzuhalten. Der Tempel wurde anlässlich des 100. Geburtstages Gurudevs 1987 erheblich erweitert.
Immer mehr Anhänger strömten in den Ashram und immer mehr Spenden flossen in den Fonds. Damit konnten auch immer mehr Gebäude errichtet werden: das Silver Jubilee Kutir, Lakshmi Kutir, die Yoga Vedanta Forest Academy, das Parvati Kutir, Vaikuntha Dham, die Diamond Jubilee Hall, das Ganga Kutir und das Ganga Ghat mit seinen Stufen hinunter zum Ganges. 1976 wurde eine Bibliothek mit mehr als 19.000 Bänden eingerichtet. 2001 kam eine Audio-Video Bibliothek hinzu. Hier werden VCDs, CDs und Audio-Kassetten für Besucher produziert. Daneben wurde im selben Jahr ein Audio-Video Studio eingerichtet, um alte Fotos von Swami Sivananda und dem Sivananda Ashram zu restaurieren. 2003 konnte eine neue Yoga-Halle und ein neuer Bücherladen der Sivananda Publication Leauge neben dem Postamt eröffnet werden.
1976 wurde der Küchentrakt mit dem Esssaal (Dining Hall) errichtet, wo derzeit 300 Gäste gleichzeitig verpflegt werden können. Im gleichen Jahr wurde der Versammlungsort für Satsangs und andere große spirituelle Feste, der Samadhi Mandir, fertig gestellt. Die Halle beinhaltet auch den Samadhi Shrine mit einer Gedenkstätte zu Ehren von Swami Sivananda, der 1963 verstarb. In den frühen 80iger und 90iger Jahren wurden Gebäude errichtet, um die wachsende Zahl von Besuchern unterbringen zu können: zwei Blöcke (Govardhan Dham) auf dem Dattatreya Hill oberhalb des Ashrams und zwei weitere Blöcke (Ishwar Bhavan) auf dem Mt. Kailash Hill. Weitere Gebäude und ein Auditorium sind in Planung bzw. im Bau, um die vielen Besucheranfragen zu den Veranstaltungen aus dem In- und Ausland noch besser befriedigen zu können.
Die Verwaltung der Divine Life Society
Swami Sivananda schien über eine kaum zu bremsende Energie zu verfügen, denn er schrieb mehr als 300 Bücher, leitete eine spirituelle Institution und unterrichtete auch die im Ashram lebenden Sucher und Schüler. Er korrespondierte mit zahllosen Menschen in der ganzen Welt und kümmerte sich um deren spirituellen Nöte, wenn es erforderlich war. Sein irdisches Dasein wurde 1963 beendet und andere mussten sein Werk fortsetzen. Als wichtigste Persönlichkeit steht hier Swami Chidanandaji, der ununterbrochen seit 1963 als Präsident der DLS vorsteht. Doch er ist nicht nur Präsident und der administrative Kopf der DLS, sondern auch ein Heiliger höchsten Grades, dessen Leben und Wirken Tausende inspiriert hat. Swamiji hat unermüdlich nicht nur in Indien, sondern auch auf seinen zahllosen Reisen über den gesamten Globus Gurudevs Botschaft verbreitet.
Ein anderes helles Licht der Divine Life Society war Swami Krishnanandaji, der von 1961 bis zu seinem Tod 2001 Generalsekretär der DLS war. Man darf diese Persönlichkeit nicht einfach als Kopf einer Administration abtun. Swami Krishnananda war ein Heiliger und Philosoph, dessen tiefgehende Bücher sein intellektuelles Wissen und seinen hohen spirituellen Grad widerspiegeln. Es gab noch viele andere Persönlichkeiten, die man erwähnen müsste. Eine dieser Persönlichkeiten verdient es besonders erwähnt zu werden: Swami Venkatesananda. Er wurde von Gurudev nach Südafrika, Mauritius und Australien geschickt, um die Mission der DLS dorthin zu tragen. Swami Venkatesanandas Bücher, die von Weisheit und außergewöhnlicher Innensicht erfüllt waren, bereiteten dem Leser eine große Freude. Er war wie ein Leuchtturm in Sachen Gurudevs Mission. Er verstarb 1982.
Das Hauptquartier im Ashram in Rishikesh umfasst 37 Service-Abteilungen. Neben dem Hospital und der schon vorher erwähnten Druckerei darf man die Mandir-Abteilung nicht außer Acht lassen, die für Pujas, Gottesdienste, die Verpflegung (Dining Hall), die Apotheke, der allmonatlichen Erstellung und Verteilung des Journals verantwortlich ist. Nicht unerwähnt bleiben darf außerdem die Rezeption, die für die Unterbringung tausender Gäste, die jedes Jahr den Ashram besuchen, verantwortlich zeichnet.
Gurudev fühlte, dass alle an spirituellem Wissen interessierten Menschen die Gelegenheit haben sollten, in ihrem eigenen Umfeld an Satsangs teilzunehmen und Dienen zu können. So entstand die Idee, Niederlassungen zu gründen, die mit dem Hauptquartier verbunden sind. Auf diese Weise wird das Werk der DLS durch eine Vielzahl von Niederlassungen, die auf der ganzen Welt verteilt sind, fortgeführt. Gegenwärtig gibt es mehr als 300 dieser Niederlassungen in Indien, hauptsächlich in Orissa, und weitere in U.K., den USA, Frankreich, Deutschland, Belgien, Österreich, Italien, Spanien, Japan, Hongkong, Malaysia, Australien und in vielen anderen Ländern.
Wie die Divine Life Society entstand
(von Swami Paramananda)
Viele waren damals verblüfft, als Swamiji Gurudev sein erstes Buch schrieb, und wie es möglich wurde, innerhalb weniger Jahren die Divine Life Society aus dem Nichts aufzubauen.
Mit seinem ersten Buch ‚Practice of Yoga’, das Swami Sivananda 1929 veröffentlichte, schuf er ein Meisterstück. Ich hatte die Gelegenheit, eines dieser gedruckten Ausgaben in der Connemera Bibliothek in Madras zu entdecken. Es wurde selbst für die damalige Zeit zu einem unglaublich niedrigen Preis angeboten, nämlich zwei Rupien. Selbst in der Zeit seines frühen Sannyasa-Lebens, wo das Geld noch sehr knapp war, brachte Swamiji dieses Buch zu diesem niedrigen Preis heraus, sodass alle öffentlichen Bibliotheken und minderbemittelten Sucher in die Lage versetzt wurden, sich dieses Werk zu leisten. Es geschah, dass mich dieses Buch ihm sehr nahe brachte. Darum schätze ich dieses Buch so sehr.
Die Divine Life Society entstand in dem Augenblick, als er 1923 nach Rishikesh kam. Was er damals begann, setzt sich heute immer noch weiter fort.
Er suchte alle großen Mahatmas (große Seelen) vor Ort auf, holte ihnen Wasser aus dem Ganges, kümmerte sich um ihre Bedürfnisse und diente ihnen, ohne darum gebeten worden zu sein. Ich traf Sri Swamiji 1930 zum ersten Mal, als er bereits im Swargashram lebte und habe ihn in dieser Weise beobachten können. Einmal als ich ihn in seiner Behausung besuchte, um ihm zur Hand zu gehen, erinnere ich mich, dass er mich bat, den im Umkreis lebenden Mahatmas zu dienen, ihre Kleider zu waschen und ihre Behausungen zu säubern. Bei einer anderen Gelegenheit trug er mir auf, immer wieder zu schauen, ob man nicht irgendjemand dienen könnte. Er legte Wert darauf, dass man immer ein Taschenbuch bei sich hatte, damit man die Schuhe der Mahatmas und Yatris, während diese bei einem Satsang weilten, ohne ihr Wissen zu säubern. Von der Art waren seine Hingabe und sein Enthusiasmus, um der kosmischen Offenbarung des Herrn zu dienen.
Als er 1923 mit seinem Dienst in Rishikesh begann, wurde die Saat der Divine Life Society gesät. Er ‚begoss’ sie mit dem Nektarstrom kosmischer Liebe in Form seines selbstlosen Dienstes, und in den Folgejahren erwuchs daraus die kräftige Pflanze von ‚Satya Sevashram’, eine Apotheke zu mildtätigen Zwecken, um die Nöte der Mahatmas und Pilger zu befriedigen. Diese ‚Apotheke’ war gleichzeitig wie eine mobile Klinik. Diese Einrichtung wurde 1926 ins Leben gerufen, als Sri Swamiji zunächst von Rishikesh zu Lakshmanjhula ging.
Die Saat war in Wahrheit von göttlicher Natur, denn aus der kräftigen Pflanze wurde ein kleiner Baum als Sri Swamiji 1929 von Lakshmanjhula in den Swargashram zog. Aus ‚Satya Sevashram’ wurde der befestigte Weg für ‚Swargashram Sadhu Sangh’, doch das Motto blieb erhalten, d.h. praktische kosmische Liebe durch selbstloses Dienen.
Während der ganzen Zeit, selbst wenn Sri Swamiji mit dem Schreiben beschäftigt war, besuchte er viele Orte und Plätze, um Satsangs und Kirtan abzuhalten. Alles zusammen bildete einen Teil der Arbeit der Society. Diese Arbeit wurde über die Jahre fortgesetzt und immer wieder erneuert. Swamiji reiste auch zum Mount Kailash in Tibet, nach Rameswaram zur südlichen Spitze, nach Srinagar oder Gangasagar am Golf von Bengalen.
Zwischenzeitlich zog er 1934 in den Ananda Kutir. 1936, als aus der kleinen Pflanze ‚Swargashram Sadhu Sangh’ bereits ein großer Baum geworden war, wurde die Divine Life Society gegründet. Jeden Tag erwachsen aus diesem Baum nah und fern in der ganzen Welt neue Zweige in Form von Zentren, Niederlassungen mit unterschiedlichster Ausrichtung. Jeden Tag entstehen neue Triebe, wundervoll duftende Blüten in Form dieses ideellen selbstlosen Wirkens. Und die Früchte dieses göttlichen Baumes sind das unsterbliche Glück.
Auf diese Weise wurde die Divine Life Society bereits 1923 ins Leben gerufen, obwohl sie als Gesellschaft erst 1936 eingetragen wurde.
Swami Sivananda und die Divine Life Society
Swami Sivananda könnte hinsichtlich seiner Sichtweise bzgl. Hindu-Spiritualität und der Rolle der Sannyasins als revolutionär bezeichnet werden. Swami Sivananda war um das Seelenheil der gesamten Menschheit bemüht und betrachtete dieses als die vereinigende Rolle und Privileg der Sannyasin, der ganzen Welt zu dienen und nicht bedient zu werden. Traditionell stand die tiefste spirituelle Wahrheit nicht allen Menschen zur Verfügung, denn sie war in Sanskrit verfasst, d.h. in einer Sprache und Schreibweise, die nur der Brahman-Kaste zugänglich war. Wer sich außerdem aus dem Weltlichen zurückzog und Gott zuwendete, hatte früher keinen Bezug mehr zur Außenwelt oder irgendwelche Verantwortung gegenüber dieser. Andererseits waren Familienväter zu Almosen verpflichtet und mussten für die Kosten eines Ashrams aufkommen. Sannyasins wurden von der übrigen Gesellschaft mit großem Respekt behandelt.
Dieses entsprach jedoch nicht der Vision Swami Sivanandas oder seines spirituellen Nachfolgers Swami Chidananda. Swami Sivananda empfand als einzige Aufgabe das Erwecken allen Seins mit dem Bewusstsein ihres wesenhaften göttlichen Originals. Worin lag der Kern dieser Mission? Swami Chidananda hielt an folgendem fest: es war für die Theoretiker populär, an strikten vedantischen Grundlagen festzuhalten, wobei die äußere Welt als reine selbst erschaffene Illusion gilt, die nicht wirklich existent ist. Darum könnte diese äußere Welt getrost ignoriert werden. Swami Sivananda hatte eine andere Auffassung. Er ignoriert sich selbst und erkannte die ganze Welt als die ewig lebendige Wirklichkeit, als die größte, höchst subtile Wahrheit. Seine Übung bestand darin, sich selbst in uneingeschränkter Hingabe auf dem Altar der göttlichen Schöpfung, die sich als sichtbarer Kosmos offenbart, auszulöschen. Darum wurde Swami Sivananda von vielen orthodoxen Glaubensbrüdern als Wichtigtuer angesehen, der ungerechtfertigt dem Karma in aktiver Handlung Priorität einräumte, sehr zum Schaden von Jnana, dem Wissen.
Aus Sicht von Swami Sivananda könnte eine wirkliche Vedanta niemals zu Selbstbeschränkung oder Selbstzentrierung führen, denn es handelt sich um einen Prozess von unendlicher Ausdehnung des Bewusstseins. Er würde geltend machen, dass die Verwirklichung des Nicht-Dualen zur Zerstörung der letzten Spur von Egoismus und zur Entwicklung kosmischer Liebe führt. Die ganze Schöpfung als etwas Eigenes zu empfinden, und alle Barrieren zu zerstören, die den Menschen davon trennen, entsteht als Folge von rationaler Praxis der Vedanta. Kein Gefühl oder Gedanke von Anderssein/ Unterscheidung, von etwas Höherstehendem oder einer Unterlegenheit könnte fortbestehen, wenn zu Gewissheit wird, dass der ganze Kosmos Brahman ist. Wer daran festhält und danach lebt, kommt sofort aus der dunklen Ich-Welt heraus und in ein schönes göttliches Leben hinein.
Auch wenn Swami Sivananda die Tradition respektierte, so unterschieden sich seine Lebensweise und seine Lehren jedoch erheblich von den allgemeinen Konventionen. Eine seiner revolutionären These bestand darin, dass man auch in seinem eigenen Zuhause nach Befreiung streben kann. Im Gespräch mit Swami Chidananda über die Einstellung zum göttlichen Leben von Swami Sivananda sagte dieser: „Das zentrale Thema von Swami Sivanandas These über ein göttliches Leben bestand darin, dass es nicht notwendig ist, Heim, Familie, Beruf zu verlassen, um ein göttliches Leben zu führen. Nur das Ego muss zurückgelassen werden, d.h. die falsche Vorstellung von ‚Ich bin der Körper’, ‚Ich bin dieses oder jenes’, ‚Ich bin so oder so’, die Bindung an den Körper, die Selbstsucht usw. Dieses erfordert eine innere, aber keine äußere Veränderung des Standortes. Man führt sein Bewusstsein vom Zentrum des Körpers und des Geistes in eine höhere Dimension, wo sich das Bewusstsein seiner wahren göttlichen Natur bewusst wird. Wenn dieses im täglichen Leben zum Ausdruck kommt, ist es ein göttliches Leben.“
Um diese Botschaft zu propagieren, schrieb Swami Sivananda mehr als 300 Bücher in englischer Sprache über jeden wahrnehmbaren Aspekt des Yoga und der Vedanta sowie über die indische Kultur, die Ethik usw. Als er mit dem Schreiben begann, versuchte er all seine Gedanken sofort zu Papier zu bringen. Dazu benutzte er, wenn kein Schreibpapier vorhanden war, auch Briefumschläge, Zeitungsränder usw. Für sein erstes veröffentlichtes Pamphlet erhielt er 5 Rupien als Spende für Milch. Heutzutage werden tausende von Büchern von der ‚Yoga Vedanta Forest Academy Press’ im Sivananda Ashram gedruckt, die in Indien und der ganzen Welt verkauft werden. Die Preise sind niedrig und viele Exemplare werden zudem kostenlos abgegeben.
Die Verbreitung spirituellen Wissens führte zur Einrichtung der ‚Yoga Vedanta Forest Academy’, die 1948 von Swami Sivananda eingeweiht wurde. Jährlich werden noch immer drei 2-Monats-Kurse angeboten. Die Akademie ist am Berg an einem ruhigen Platz, umgeben von Garten und Wald, im oberen Teil des Sivananda Ashrams gelegen. Die Kursteilnehmer werden mit den theoretischen wie praktischen Aspekten des Yoga, der Vedanta, östlicher und westlicher Philosophie sowie Meditation vertraut gemacht. Außerdem leiten Senior-Swamis während des ganzen Jahres Kurse zu verschiedenen Themen in Hindi wie auch in Englisch. Manchmal kommen Schüler zusammen, um Texte großer Meister zu studieren. Eine andere Charakteristik Swami Sivananda, neben dem Schreiben der vielen Bücher, war das Predigen über die Einheit aller Religionen, wobei er alle Lehrer respektierte. Sein Hauptanliegen lag darin, dass die Menschen eine Beziehung zu Gott bekamen. Wie Swami Chidananda einmal sagte: „Mir ist es gleich, wie du zu Gott in Kontakt trittst. Doch mach es in jedem Fall, irgendwie!
Diese fundamentale Großherzigkeit Swami Sivanandas spiegelt sich in der achteckigen Bibliothek wider, die über mehr als 17.000 Bände, Audios, Videos von allen Religionstraditionen und großen Lehrern weltweit verfügt. Darüber hinaus findet man Anleitungen zu allen traditionellen Hindugottesdiensten des ganzen Jahres, besondere Gottesdienstanleitungen für Buddha Jayanti und Guru Nanak Jayanti. Zu Weihnachten findet jedes Jahr eine besondere Christmesse statt. Unmittelbar nach Weihnachten folgt jedes Jahr ein einwöchiges Yoga-Symposium.
Swami Sivananda war immer aktiv. Er bemühte sich unermüdlich, um ein spirituelles Erwachen herbeizuführen. Er sagte: ‚Das Ziel des Lebens ist Gottverwirklichung’. Die Begriffe, die die Divine Life Society prägen sind: das Dienen, Lieben, Geben, Meditieren und Verwirklichen durch Karma-, Bhakti-, Raja- und Jnana-Yoga. Raja- und Bhakti-Yoga findet all-morgendlich in Form von Meditation und Gebeten in der Samadhi Hall sowie all-abendlich zum Satsang im Beisein des Generalsekretärs statt. Zu beiden Gelegenheiten werden kurze Vorträge über das spirituelle Leben gehalten und es finden Meditationen statt.
Swami Sivananda war ein Apostel des Gebets. Swami Chidananda schrieb einmal: Swami Sivananda wünschte im Stillen allen Menschen Gutes und sah es auch in ihnen. Selbst Ameisen, die zufällig seinen Weg kreuzten, schenkte er seine ganze Aufmerksamkeit und sein Mitgefühl. Als der II. Weltkrieg 1943 seinen Höhepunkt erreichte, führte er das tägliche 24-stündige Mantrasingen für den Frieden ein. Dieses Mantrasingen wird bis zum heutigen Tag fortgesetzt. Außerdem wird dreimal täglich ein Gottesdienst im Tempel und in der Samadhi-Hall für das Wohlergehen aller Lebewesen sowie für individuelle Wünsche abgehalten. Zweimal täglich wird in der Samadhi-Hall ‚Om Namo Narayanaya’ gesungen. Alle Programme und Zeremonien werden durch Gesänge, Gebete und Arati am Anfang sowie am Ende dem Göttlichen geweiht.
Vielleicht waren die Lehren und die Passion für Karma-Yoga oder das Dienen Swami Sivanandas revolutionärsten Charakteristiken. Er vergaß seine Energie, sein Talent und seinen Körper, als würden sie ihm nicht gehören. Er fühlte mit jeder Kreatur, die Kummer hatte oder in Not war. Für ihn bedeutete das Abwenden von weltlichen Pflichten ein Streben nach Höherem, was nicht mit einem Unterdrücken irgendwelcher Gefühle einherging, die möglicherweise tief in ihm schlummerten. Auch wenn diese inneren Widerstände immer intensiver und raffinierter wurden, je mehr er sich der höheren Selbstlosigkeit und dem sich weiter ausdehnenden Bewusstsein näherte.
Swami Chidananda schrieb, dass Swami Sivananda, entgegen der allgemeinen Auffassung, daran festhielt, dass diejenigen, die sich vom Weltlichen abwenden, die Aktivsten sind, denn sie haben den Vorteil, vollkommen ohne Ablenkungen und Kümmernisse zu sein, die das ganze weltliche Leben bestimmen; er hatte kein Verständnis dafür, dass ein würdevoller Swami in Orange darauf schließen lassen könnte, einen intellektuellen und körperlichen Winterschlaf entfernt von der restlichen Welt zu halten. Darum wollte Swami Sivananda Sannyasins zu aktiven Dienern und Lehrern der Menschheit machen. Er hielt sie dazu an, ihr Maximum an Talent zu entwickeln, damit sie der Gesellschaft von Nutzen sein könnten. Er sah es nicht als Ideal, wenn jemand abgeschieden in einer Höhle leben wollte. Außerdem war er der Ansicht, dass nur selbstloses Dienen dem felsharten Ego entgegen treten könnte, das den Menschen von Gott trennt. Seine Schüler waren frei und ermutigt, dem Pfad ihrer Talente zu folgen. Es wurde nicht von ihnen erwartet, ihre morgendlichen oder abendlichen Übungen zu vernachlässigen. Swami Chidananda sagte, das Swami Sivananda darauf Wert legte, dass seine Schüler alle Stränge persönlicher Betrachtungen ausreißen und sich völlig dem noblen Dienen der Welt hingeben sollten.
Swamiji erinnerte sich, dass Swami Sivananda die besondere Würde des selbstlosen Dienens als höchste Form des Yogas, als höchstes Opfer und Gottesdienst hervorhob. Er hätte gesagt: „Es macht nichts, ob sich Selbstverwirklichung einstellt oder nicht. Gebt euch alle Mühe, um eine ethische Entwicklungsstufe zu erreichen, um euch selbst für den Dienst am Menschen zu vervollkommnen. Seht Gott im Menschen. Wenn die Vorstellung von Gott, die Idee des All-Durchdringenden einschließt, warum kann man IHN nicht in allen Kreaturen sehen? Warum zögert man noch, den Glauben in Handlungen umzusetzen? Man muss die Vorstellung aufgeben, dass ER sich nur hinter verschlossenen Türen und Fenstern befindet. Zuerst muss man Seine Gegenwart in allem fühlen, diesem muss man dienen und ES sehen. Dann schaut man hin und fühlt, ob ER nicht aus sich selbst heraus auch in der Kammer des eigenen Herzens leuchtet. Wenn das Herz nicht frei von Unreinheit ist und die niedere Natur von Unrat getrieben wird, wie soll dann Spiritualität erfahren werden können? Solange man seine Natur nicht vervollkommnet hat, ist es da möglich, die Wahrheit eines Seins zu verwirklichen, der das Wesen der Vollkommenheit ist? Zuerst muss man die Wurzeln des Egoismus, der Angst, des Hasses, der Gier und Falschheit durch selbstloses Dienen entfernen.“
Swami Sivananda war Arzt. Diese Berufung war wie für ihn geschaffen, damit er in seiner Leidenschaft Kranken und Armen dienen konnte. Aus Swami Sivanandas Apotheke, die 1934 gegründet wurde, entwickelt sich 1950 ein Hospital, und 1953 kam eine Augenklinik hinzu. Das Hospital verfügt über 30 Betten. Täglich kommen mehr als 500 Patienten zur freien Heilfürsorge. Diese Ambulanz wird von den diensthabenden Ärzten an 6 Tagen in der Woche angeboten. Einmal pro Woche steht ein Augenarzt zur Verfügung. Dann schwärmen die anderen Ärzte der Klink in die umliegenden Dörfer, um dort Kranke zu behandeln. Zu bestimmten Zeiten im Jahr werden bis zu 200 Patienten in so genannten Camps kostenlos an ihren Augen operiert. Es besteht noch ein weiteres Hospital in Patamadai, dem Geburtsort von Swami Sivananda, das zu Ehren von Swamiji 1987 gegründet wurde.
Die Betreuung von Leprakranken war eine Leidenschaft von Swami Chidananda. Swami Sivananda unterstützte ihn nach Kräften, sodass jetzt drei Leprastationen unterhalten werden, wo die Leprakranken behandelt und beköstigt werden können. Eine dieser Leprastationen befindet sich nahe Laksmanjhula und wird ‚Sivananda Home’ genannt. In ‚Sivananda Home’ werden jedoch nicht nur Leprakranke, sondern auch TB- und Aids-Kranke sowie Kranke, die man irgendwo von der Straße aufliest, behandelt. Dieses Hospital wurde zur Heimat vieler dieser Patienten; wenn sie einmal geheilt sind, helfen sie einander.
Nicht nur das Hauptquartier der Divine Life Society in Rishikesh unterstützt diesen Dienst in der o.a. Form, sondern eine Vielzahl von Niederlassungen in ganz Indien hilft den Armen in ihrer Umgebung.
Obwohl Swami Sivananda nur seinen wirklichen Lebenssinn im Erwecken der Menschheit sah, nahm der soziale Dienst in Form der freien Heilfürsorge einen breiten Raum in seinem Handeln ein. Er fand scharfe Worte gegenüber der Unberührbarkeit, Kinder-Verheiratung, Kinderarbeit, Analphabetentum und anderen üblen soziale Auswüchsen. Heutzutage werden mehr als 1000 Schüler finanziell mit Büchern und in Form von Stipendien unterstützt. Arme machen sich bei der Hausarbeit, Hochzeiten und bei der Zubereitung von Essen nützlich. Für Bettler und Sadhus werden täglich zusätzlich Tee und Essen bereitet und an bestimmten Plätzen verteilt. Es gibt einen Fonds für Unglücksfälle von Dorfbewohnern, die auf Grund von Naturkatastrophen ihr Hab und Gut verloren haben (wie z.B. bei Erdbeben, Tsunami, Hurrikans usw.).
Swami Chidananda sprach von einem Zusammenhang zwischen Swami Sivanandas Wunsch, die Gesellschaft von Analphabetentum zu befreien, der so genannten Unberührbarkeit usw. und seinem Bemühen um das spirituelle Erwecken der Menschheit. Swamiji sagte, bevor wirklich spirituelle Größe oder ein Fortschritt bestimmter Bedingungen entstehen können, sind bestimmte Tugenden erforderlich, die durch spirituelle Praxis entwickelt werden müssen. Doch eine Grundvoraussetzung ist eine gewisse Sicherheit, Unabhängigkeit, bevor die Menschen ein spirituelles Interesse entwickeln können. Er fügte hinzu, dass spirituelle Entwicklung, ein Gefühl von Liebe, Einheit, Toleranz und das Erkennen des Selbst bedeuten. Solange kleinkariertes Verhalten, egoistische Barrieren des Kastenwesens und der Unterkasten, das Gemeinwesen usw. vorherrschen und keinen Versuch unternommen wird, den Boden zu bereiten, bleibt das spirituelle Leben nichts weiter als Heuchelei. Konsequenterweise müssen religiöse Lehrer und spirituelle Erwecker auch so etwas wie Reformer sein.
Während seiner Sadhana-Tage übte sich Swami Sivananda in strenger Disziplin. Selbst später, als er bereits als Guru anerkannt und respektiert wurde, behielt er bestimmte asketische Übungen bei. Der Grund für diese spätere Praxis war sein Glaube, dass Disziplin das spirituelle Feuer in Gang halten würde. Swami Chidananda schrieb, dass Tapas für Swami Sivananda die Kraftquelle für seine dringliche Wortgewalt war, die seine Besucher irgendwie zwang ihm zuzuhören, über das Gesagte nachzudenken und es zu beherzigen.
Obwohl Swami Sivananda nachdrücklich an seiner Disziplin festhielt, um Körper und Geist in einem wachen Zustand und in Balance zu halten, so handelte es sich dabei eigentlich nicht um eine bestimmte Methode, um die Wahrheit zu finden. Für ihn war das zweitrangig. Darum wurden damals wie heute körperliche Übungen unterstützt und angeboten. Swami Sivananda bestand darauf, dass jeder nach seiner Begabung leben und handeln sollte, sonst wäre die Zeit in der Welt vertan. Er sagte: „Disziplin ist nicht das Ziel, sondern Befreiung und Unsterblichkeit sind die Ziele.“ Die Zerstörung des Ego und des niederen Selbst ist der Prozess, was aber nichts mit der Zerstörung des Körpers zu tun hat. Der still ertragene Missbrauch oder die Beschimpfung, die erlittene Kränkung oder absichtliche Missachtung der Persönlichkeit sind genauso hinzunehmen wie Hitze und Kälte oder Hunger und Durst.
Obwohl Swami Sivananda ein weiches Herz hatte, so war er doch hart gegen sich selbst. Wie Swami Chidananda einmal sagte, war Swami Sivananda wachsam gegenüber dem leisesten Anflug seines eigenen Egos, was zu Folge hatte, dass er sofort mit dem großen Hammer dagegen anging. Dadurch war er unberührt gegenüber Ehrungen, die ihm von den vielen tausenden Besuchern entgegengebracht wurden. Einmal schlug er sich selbst mit dem Besen und trat sich selbst mit den eigenen Schuhen. Um das subtile Gefühl einer Höherstellung abzuschütteln, erlaubte er jahrelang niemanden aus der Brahmanen-Kaste ihn zu bedienen, und er behandelte Straßenfeger und Nichtsnutze als Gleichberechtigte.
Diese Kriegsführung gegen das Ego, die einzige Schanke zwischen dem Sucher und Gott, scheint sich immer noch bis heute durch die unpersönliche Kraft Swami Sivanandas fortzusetzen. Die Egos seiner spirituellen Familie werden im Kern immer wieder herausgefordert, was manchmal für einen unüberlegten Sucher irritierend wirken mag, der vergessen hat, warum er eigentlich gekommen ist. Doch aus Sicht des spirituellen Aspekts erfüllt der Ashram seinen Zweck, der von dem Gründer begonnen wurde, d.h. die göttliche Natur zu verwirklichen und das Göttliche im täglichen Leben zum Ausdruck zu bringen.
Möge Gott alle beschützen.