Denkwürdige Begegnung

Die folgenden Begegnungen mit Swami Krishnananda faszinieren mich immer wieder, auch wenn diese viele Jahre zurückliegen.

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Die erste Begegnung mit lebendiger Philosophie

Auf meiner ersten Indienreise vor vielen Jahren begegnete ich Swami Krishnananda, der leider inzwischen verstorben ist. Ihm wird nachgesagt, dass er zu Lebzeiten der größte Philosoph Südostasiens war. Jedenfalls fand ich irgendwie auch den Weg zu ihm, obwohl ich es so nicht wirklich geplant hatte. Heute weiß ich, dass wir doch irgendwie durch irgendetwas gelenkt werden, was auch immer es sein oder wie auch immer es heißen mag. Jedenfalls kam ich zu ihm. Er saß da, unscheinbar, in einem veralteten Holzstuhl, war in Swamiorange gekleidet, vor ihm eine Vielzahl von Anhängern, die ihm andächtig lauschten. Swamiji war damals bereits 75 Jahre alt und leitete immer noch ein Zentrum mit über 300 Leuten, überwiegend Swamis (Mönche). Er war klein, ziemlich dick, ging am Stock, beherrschte aber auf Grund seiner Persönlichkeit und Ausstrahlung die ganze Szenerie. Aus vielen Erzählungen der mehrheitlich westlichen Besucher kannte er auch die Probleme bei uns in Europa sehr gut und konnte darum alle aufkommenden Fragen der Besucher beantworten. Das Zentrum ist der weltgrößte Ashram seiner Art und viele Besucher aus aller Welt, Manager, Fürsten, Staatsmänner, Diplomaten, Geistliche usw. kommen und gehen und ließen sich, als er noch lebte, von ihm beraten.

Ich hatte mich leise unter die Besucher gemischt, denn ich wollte unbedingt diese Persönlichkeit einmal von Nahem erleben. Ich hatte viel über ihn und von ihm gelesen. Irgendwie wurde ich durch andere Besucher nach vorn geschoben. Man sagte mir, ich sollte mich ihm doch vorstellen, begrüßen, aber ich war einfach zu schüchtern angesichts dieser edlen Erscheinung. So blieb ich einfach stumm, saß da und beobachtete sorgfältig die Szenerie. Er hielt gerade einen Vortrag über den Sinn des Lebens in englischer Sprache, allein der Klang seiner Stimme schlug mich in den Bann. Sein Vortrag wurde von Telefongeläut unterbrochen. Man reichte ihm den Telefonhörer, er gab ein paar Anweisungen, so weit ich es verstand, und setzte seinen Vortrag genau an der Stelle fort, wo er gerade zuvor unterbrochen worden war. Welche geistige Disziplin ist dafür nötig? So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen oder erlebt. Ich war irgendwie sprachlos, konnte und kann es auch heute noch nicht in Worte fassen. Mein Geist war leer, keine Gedanken mehr, alles frei, so als wäre jemand mit der Toilettenbürste quer durch meinen Geist gefahren, um jegliches Unrat zu entfernen.

Wie aus weiter Ferne vernahm ich plötzlich seine Stimme, denn er sprach mich direkt an. Er musste mir wohl angesehen haben, dass ich geistig total abwesend war. Vielleicht war ich auch einfach nur erschöpft, aber ich fühlte mich doch großartig und war vollkommen zufrieden. "Woher kommst du!" hallte seine freundliche Stimme wie aus der Ferne. Ich schluckte und versuchte kleinlaut zu antworten, doch meine Stimme versagte ihren Dienst. - "Was möchtest du hier?" kam gleich die nächste Frage. "Dich kennen lernen," kam meine Antwort jetzt leichter über die Lippen. "Und wann musst du wieder nach Hause?" "Nun, in zehn Tagen!" "Dann bleibe solange hier!" Er gab entsprechende Anweisungen. Ich bekam ein Zimmer im Ashram zugewiesen, was damals nicht so einfach möglich war. Am nächsten Tag fragte er mich nach meiner beruflichen Tätigkeit usw. Zuletzt fragte er belustigt, warum ich nicht drei Monate bleiben könne, und beklagte sich über meine beruflichen und familiären Pflichten in Deutschland. Er wollte mir Arbeit geben, ich könne solange bleiben, wie ich wollte. Danach haben wir sehr viel miteinander über Philosophie, Kant, Hegel und den Sinn des Lebens usw. gesprochen. Eine wirklich denkwürdige Begegnung.

In der selben Umgebung traf ich noch eine andere denkwürdige Persönlichkeit. Eine stille hagere Gestalt mit strahlenden Augen, die es in sich hatten. Er war klein, immer freundlich und sehr diszipliniert. Ihn konnte nichts erschüttern. Ein wahrer Swami in Gestalt und Ausstrahlung. Man konnte ihm nichts vormachen. Auch wir haben uns sehr viel über Philosophie unterhalten und wurden bald wahre Freunde. Ich bat um die deutschen Rechte der philosophischen Schriften von Swami Krishnananda, den Philosophen. Ab dem darauf folgenden Jahr durfte ich nicht nur übersetzen, sondern meine Übersetzungen auch selbstständig veröffentlichen. Welch‘ eine Freude. - Ich besuche ihn noch immer regelmäßig.