Begegnung mit Gott, Gott-Erfahrung
von Swami Brahmananda
bearbeitet von Divya Jyoti
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Es ist zwischen 4 und 6 Uhr morgens, Brahma Muhurta. Es ist ein feuchtkalter Morgen im Monat Januar. Ein sanfter, aber kühler Wind weht über den Heiligen Ganges. Ein aufrichtiger spiritueller Sucher sitzt im Padmasana auf einer kleinen, komfortablen Unterlage, über und über in Schals und Decken eingehüllt. Nur sein schmales Gesicht schaut noch aus diesem Berg von Wolle heraus, seine Augen halb geschlossen, ist er tief in Nididhyasana versenkt. Wie die Strahlen der Sonne, breitet sich ein Licht von seiner spirituellen Aura aus.
Man erkennt sofort: er ist kein Anfänger mehr, wie die vielen Anderen um ihn herum. Er hat bereits viele Stufen auf der spirituellen Leiter erklommen und ist zu einem aufrichtigen, weit fortgeschrittenen Heiligen geworden. Er möchte jedoch auch noch die letzte Stufe des grenzenlosen großen Jenseits nehmen, diesen absoluten Frieden erreichen, wie es die Upanishads ausdrücken, und wovon Geist und Sprache verwirrt zurückkehren, ohne wirklich in ES eintreten zu können. Er sitzt wie ein Fels seit mehr als eineinhalb Stunden in der zuvor beschriebenen Haltung. Da eröffnen sich in diesem stillen Meer des Geistes plötzlich einige Gedanken. „Haut ab! Ich möchte Gott erfahren. Warum stellt ihr euch mir in den Weg?“, will er diese Gedanken abwehren. Ein Augenblick vergeht. Dieselben Gedanken werfen ihren Schleier ab und offenbaren sich als reines Bewusstsein, die Absolute Wahrheit, nach der er all die Jahre gesucht hatte. Der Sucher und das Gesuchte werden eins. Der Prozess des Suchens vermischt sich ebenfalls mit dem einen Bewusstsein, wie ein Wassertropfen, der sich mit dem Ozean vermischt. Das Individuum und das Universale transzendieren sich selbst. Er verharrt lange Zeit, vielleicht Stunden, in dieser absoluten, erhabenen Höhe des transzendentalen Aspekts des Überbewusstseins.
Die Sonne geht auf und lässt die Erde erstrahlen. Der Heilige steigt von seinen spirituellen Höhen herab, um die Wahrheit der alldurchdringenden Natur Gottes wie einen Apfel zu erkennen, der klar und deutlich in seiner offenen Hand liegt. Er sieht Gott, der sich selbst als ganze Welt und alles andere hier offenbart, sich wie sein individueller Körper und Geist ausrückt, - als das so genannte Wirkliche, Unwirkliche und Leere. Alle Gedanken, Wörter, Taten und Objekte offenbaren sich jetzt für ihn als göttlich. Er ist nichts weiter als Gott.
Die letzte Stufe auf dem Weg zum spirituellen Ziel wird in fünf simplen Versen als Einleitung zur berühmten Manisha Panchakam bildhaft veranschaulicht, jener Weisheit von Archarya Sankara. Es wird beschrieben, was sich seinerzeit am Ufer des Ganges von Varanasi zugetragen hat. Es ist eine so einzigartige Situation, die sich jeder Sucher immer wieder vor Augen führen kann, eine Situation aus Acharyas Leben. Eine tiefe Konzentration auf die Verse eröffnen das Verborgene zwischen den Zeilen, versteckt in den Wörtern, und führen zwangsläufig zur Verwirklichung der Wahrheit.
Der große Acharya Sankara, Philosoph der Advaita-Doktrin, die von seinen Anhänger auch als Sankara Bhagavadpada bezeichnet wird. Er wird als Inkarnation Lord Sivas angesehen. Sankara lebte im ersten Viertel des 9. Jahrhunderts nach Chr.
Einmal weilt Sankara, soweit bekannt, in Varanasi. Irgendwann spaziert er eines frühen Morgens nach einem Bad im heiligen Ganges eine schmale Gasse hinauf, die zum Viswanath-Tempel führt. Ein ärmlich gekleideter Mann aus einer niederen Kaste mit seiner ebenso verwahrlosten Frau taucht plötzlich Hand in Hand vor ihm auf. Dieses merkwürdige Paar versperrt ihm den Weg zum Tempel. Sanakara bittet die beiden, ihn passieren zu lassen, damit er zum Darshan vor seinen Herrn treten könne.
Das seltsame Paar sind in Wahrheit Lord Siva und seine angetaute Shakti – Purusha und Prakriti – die beiden Unzertrennlichen, verkleidet, zu dessen Darshan Sankara gerade unterwegs war. Es gibt ein Sprichwort: wenn ein Devote einen Schritt in Richtung auf Gott macht, dann macht Gott zur selben Zeit zehn Schritte, um Darshan zu gewähren. Gott lässt nicht zu, dass seine Schüler das Risiko des ganzen Weges übernehmen müssen. Ist er nicht der Ozean des Mitleids?
Jeder Andere, der die Bitte des großen Sankara gehört hätte, wäre ausgewichen und hätte ihm den Weg zum Tempel frei gemacht. Doch die Reaktion dieses merkwürdigen Paares auf die Bitte Sankaras ist einzigartig. Sie bewegen sich keinen Millimeter, bleiben auf der Stelle stehen. Nun stellen sie Sankara eine Frage:
„Oh, weiser Mann! Es gibt nur zwei Dinge hier, Materie und Bewusstsein. Alle Dinge, mein Körper, dein Körper, d.h. alles in diesem Universum besteht aus derselben Materie, den fünf Elementen. Dieses Universum ist ein organisches Ganzes. Selbst wenn du und ich uns als Teile des Ganzen ansehen, wie könnte dieser unbegrenzte Geistkörper das Ganze verlassen? Eine Sache kann sich nicht von der anderen entfernen, da sich beide in dem einen unsichtbaren homogenen Ganzen befinden. Das ist unmöglich. Als Bewusstsein ist es all-durchdringend und unteilbar. Wie kann das Bewusstsein in mir sich von dem Bewusstsein in dir und dem Bewusstsein des ganzen Universums entfernen!? Auch das ist nahezu unmöglich.“
„Oh ehrwürdiger Herr! Die Sonnenstrahlen werden sowohl im sauberen Gewässer als auch im schmutzigen Tümpel reflektiert. Wird die Sonne dadurch irgendwie beeinflusst? Wird die Sonne durch sauberes Wasser gereinigt oder durch schmutziges Wasser verdunkelt? Die Reflexion existiert nicht als etwas, was sich vom Original unterscheidet. Wenn man es als etwas vom Original getrenntes sieht, ist es unwirklich und existiert nicht. In beiden, d.h. in einem Tontopf wie auch in einem goldenen Topf befindet sich Raum. Der goldene Topf leuchtet, ist wertvoll, und wird ausschließlich für besondere Zwecke benutzt, während der billige Tontopf bei der Reinigung von Toiletten zum Einsatz kommt. Doch beeinflussen diese unterschiedlichen Einsatzgebiete in irgendeiner Form den Rauminhalt der beiden Töpfe, jenen Raum, der eins, homogen, unteilbar, alldurchdringend und unberührbar ist, egal, was auch immer in ihnen transportiert wird? Ähnlich verhält es sich mit Atman, dem reinen, namenlosen und formlosen Bewusstsein, das alle Namen und Formen beinhaltet. Und obwohl ES in allen Körpern enthalten ist, wie die Wassertropfen im schier endlosen Ozean des glückseligen Bewusstseins, wie kann sich da die Illusion von Verschiedenartigkeit oder Getrennt sein erheben?“
Als diese Worte der Weisheit auf Acharya einwirken, erkennt er in diesem Paar einer niederen Kaste Lord Siva und seine Shakti. Er fällt Ihnen zu Füßen und wäscht ihre Füße mit seinen Tränen der Glückseligkeit. Er wird durch den Herrn selbst erhoben. Als Acharya aufschaut, sieht er Lord Siva mit seiner Begleiterin Parvati in ihrer vollendeten göttlichen Schönheit. Der Herr schließt ihn in die Arme. Das Individuum vermischt sich mit dem Kosmischen. Kein Acharya ist vom Herrn getrennt. Acharya Sankara, Lord Siva und Shakti sind eins, d.h. reines Bewusstsein. Das Ich, Gott und die Welt werden nun als Eins erkannt, als nicht teilbares reines Bewusstsein.
Einige Augenblicke vergehen. Der Acharya befindet sich wieder allein auf dem engen Pfad zum Tempel. Niemand außer ihm ist weit und breit zu sehen. Er geht zum Tempel, hält seine Andacht und geht anschließend wieder zurück in sein Quartier.
Hier schreibt er die fünf Verse über diese Gott-Erfahrung nieder, die später als Manisha Panchaka bekannt werden. Diese fünf Verse drücken diese Gott-Erfahrung in menschlicher Sprache aus. Vielleicht bestehen Zweifel, ob man Gott oder eine Gott-Erfahrung überhaupt in Worte fassen kann. Doch es bleibt kein Raum für solche Zweifel, wenn man erkennt, dass alle Wörter nur Ausdruck des Selbst sind. Alles ist Sein. Gott offenbart sich selbst als Welt der Namen, Formen und Handlungen. Gott und Welt sind nicht verschieden. Ein weiter Hinweis auf Acharyas Gott-Erfahrung findet sich in folgenden Zeilen:
„Gott drückt sich selbst in den folgenden drei Zuständen aus: im Wachzustand, Traum und Tiefschlaf, indem ER die gesamte Schöpfung durchdringt und dessen ständiger Zeuge ist. Man sollte der festen Überzeugung sein: ‚Ich bin Er’. Dieses ‚Ich’ ist Gott allein, ebenso wie das ganze Universum nichts weiter als eine Ausdehnung des reinen Bewusstseins ist. Das, was auf Grund von Unwissenheit nicht als Gott gesehen wird, unterscheidet sich von IHM in Form der drei Gunas und ihre Folgen. Der absolute Gott scheint als das innerste ‚Ich’ in allem Sein, erleuchtet den Körper, die Organe und den Geist, welche in ihrer Natur reglos sind. Sie erstrahlen bzw. werden nur auf Grund des göttlichen Bewusstseins belebt.“
„Da Gott vollkommen ist, ist es Seine Schöpfung auch!“