Von Rishikesh nach Hannover

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Eine Rückreise, ein Abenteuer mit ganz normalen Hindernissen

         Um von Rishikesh am Fuße der Himalajas, wo der Ganges die Bergregionen verlässt und als breiter Strom in die Ebenen des Bundesstaates Uttar Pradesh im Norden Indiens entschwindet, nach Hannover in Deutschland zu kommen benötigt man ca. 24 Stunden. Dieses Mal fahre ich mit einem Überlandtaxi, dass mich bei 28° C nachmittags gegen 16 Uhr Ortszeit aus meinem Quartier abholt. Wir fahren durch Rishikesh. Die Kleinstadt, die sich über mehrere Kilometer am Ganges entlang zieht, hat sich zu einer richtigen 'Boomtown' entwickelt. Altes wird abgerissen und macht neuen, immer größeren Gebäuden platz. Danach führt uns die schmale Straße zunächst durch hügeliges Gelände. Wir passieren einige heilige Orte am Ganges, fahren vorbei an Hütten, Zuckerrohrfeldern. Am Straßenrand entdecke ich Ochsenkarren, einachsige Büffelgespanne, die mit Zuckerrohr schwer beladen dahinzockeln. Februar ist Erntezeit. Die Ausläufer der Himalajas haben wir inzwischen hinter uns gelassen und die vorgelagerten fruchtbaren Ebenen mit ihren Zuckerrohrplantagen erreicht. Alleen mit alten knorrigen Bäumen, deren tiefhängenden Äste manchmal die hochaufgetürmte Ladung der LKWs streifen, wechseln mit freier Sicht auf die Felder ab. Die Luft ist vom Qualm brennender Abfälle und glimmender Pflanzenreste auf den Feldern erfüllt. Feiner Staub, der trotz geschlossener Fenster durch alle Ritzen in das Wageninnere eindringt, legt sich zusammen mit dem Qualm schwer auf die Atmung. Dusche und Waschmaschine werden sich freuen, wenn ich wieder zu Hause bin.

 In den Ortschaften, die wir auf gut asphaltierten Straßen passieren, wird an Obstkarren frisches Obst und Gemüse feilgeboten, dass ordentlich und sauber aufgestapelt, appetitlich präsentiert wird. Dahinter befinden sich Geschäfte, die manchmal wie aneinander gereihte Garagen mit darüber befindlichen Aufbauten aussehen. Die Häuser haben Flachdächer, auf denen manchmal das Regenwasser aus der Monsunzeit als Brauchwasser gespeichert wird. Schrägdächer, so genannte Walmdächer, wie in Deutschland, gibt es nicht. Zahllose Menschen streben zu dieser fortgeschrittenen Tageszeit mit Fahrradrikschas, Minitaxis oder auf Motorrollern, Kleinkrafträdern, Fahrrädern usw. wild hupend und gestikulierend nach Hause. Ohne irgendwelche Handzeichen im Verkehr geht eben gar nichts.

Wir kommen an einen Bahnübergang. Alle Fahrzeuge reihen sich neuerdings geduldig in die wartende Fahrzeugschlange ein und stellen die Motoren ab. Früher hat man sich wie Kraut und Rüben in Knäueln zu beiden Seiten des Übergangs aufgestellt und der Stärkere hatte in einem heillosen Durcheinander - nach dem Öffnen der Schranken - Vorfahrt. Es dauerte immer eine Ewigkeit, bis man wieder in Fahrt kam. Doch die fliegenden Händler sind geblieben.  Sie nutzen die kurze Pause und bieten wie eh und je Obst, Süßigkeiten und Getränke an. Kurz darauf erscheinen natürlich auch die Bettler, gut organisiert, um sich ihr Abendessen zusammen zu schnorren. Sie gehören einfach zum Straßenbild. Ein kurzer Pfiff ertönt, eine altertümlich aussehende Diesellok, mit modernen Schnellzugwaggons dahinter, passiert die geschlossenen Schranken. Die Verschnaufpause ist zu Ende. Die Motoren werden wieder angelassen und es geht in ordentlicher Reihe weiter, als hätte es keine Unterbrechung gegeben, obwohl zwischenzeitlich eine gute Viertelstunde vergangen ist.

 Vor dem nächsten Ort kommt es wieder zu einem Stau. Zunächst geht gar nichts mehr. Dann rumpeln wir langsam weiter, zunächst über die üblichen Eingangsschwellen, die es vor jeder Ortschaft gibt, um die Fahrer daran zu erinnern, dass man die ohnehin niedrige Geschwindigkeit verlangsamen sollte. Wir passieren an der Strecke immer wieder Polizeiposten. Die Uniformierten sitzen gelangweilt in ihren Holzbehausungen. Dann bewegen wir uns im Schritttempo auf eine Kreuzung zu. Hier sind die Straßen sehr schlecht, Schlagloch an Schlagloch. Mitten auf der Kreuzung liegt ein LKW quer zur Fahrbahn auf der Seite. Er war offensichtlich überladen und muss beim Abbiegen in eines der tiefen ausgewaschenen Schlaglöcher geraten und dann umgekippt sein. Das passiert häufiger zu dieser Jahreszeit. Nur mit Mühe quälen sich die Fahrzeuge an der Engstelle vorbei. An der Unfallstelle wird gestikuliert und palavert. Ein Schuldiger für das Malheur scheint noch nicht gefunden. Ein Mann krabbelt gerade aus dem Führerhaus des bunt bemalten verunglückten LKWs. Von Polizei oder Rettungswagen weit und breit keine Spur. Tod oder Verletzung sind Schicksal und nehmen in Indien keinen großen Stellenwert ein.

 Allmählich wird es dunkel. Die Sonne entschwindet hinter dem Horizont. Indien ist immer unterwegs. Viele Menschen gehen in Pulks auf dem unbefestigten Seitenstreifen  von einem Ort zum nächsten, teilweise mit religiösen Tragen ausgestattet, bunt geschmückt, um zum nächstgelegenen Tempel zu gelangen. Mitten auf einem Feld steht ein großer moderner Schulneubau im westlichen Stil, hell von Scheinwerfern angestrahlt. "Das ist eine neue private Ingenieurschule. Es gibt inzwischen viele davon in dieser Gegend“, erklärt mein Fahrer.

Auf der Hauptstraße nach Delhi herrscht weiterhin dichter Verkehr. Überholen unmöglich. Außer Busse, LKWs und den Luxuslimousinen wagt niemand ein Überholmanöver. Die großen Vehikel haben, wie überall auf der Welt, immer Vorfahrt, auch beim Überholen, das jedes Mal durch ein Hupkonzert angekündigt wird. Rechts am Straßenrand, auf den unbefestigten Seitenstreifen zuckeln Ochsenkarren, unbeleuchtet. Die Lichtkegel vieler entgegenkommender Fahrzeuge blenden den Gegenverkehr oder treffen mehr die Baumwipfel als die Straße. Fahrradfahrer bewegen ihre vorsintflutlichen Drahtesel, meistens ohne Beleuchtung, mitten durch den Verkehr. Vor zehn Jahren war ich in solchen Situationen verängstigt, doch heute ist mir klar, dass mein Fahrer auch irgendwann heil nach Hause kommen möchte. Am besten man schaut einfach nicht hin. So geht es schnell bei dichtem, aber fließendem Verkehr durch die Dunkelheit. Doch was heißt hier schnell? Wir fahren maximal 60 km/h, meistens aber weniger.

 Für die Taxifahrt nach Delhi benötigen wir ca. sechs Stunden. Auf halbem Wege machen wir Rast, d.h. in der Nähe von Meerut. Wir fahren auf den Parkplatz eines wunderschönen autobahnähnlichen Restaurants, das mit umfangreichen Blumenarrangements aufwartet und für indische Verhältnisse außerordentlich gepflegt und europäisch anmutet. In dem klimatisierten Restaurant geht alles sehr zügig und schnell. Man wird förmlich von Serviceleuten umlagert, die schnell die Bestellungen entgegennehmen, um, wie im Minutentakt, das Gewünschte, in guter Qualität, aus einer englisch/indischen Küche zu bringen. Das Restaurant ist in klimatisierte und nicht klimatisierte Räume unterteilt. Außerdem gibt es für die ganz eiligen Besucher Stehtische gleich hinter dem Eingang. Je nach Kategorie gibt es unterschiedliche Preise. Die Preise sind nach indischen Verhältnissen gesalzen, doch nach europäischem Maßstab vergleichsweise günstig. Der schwarze Tee ist sehr empfehlenswert. Bereits nach einer halben Stunde können wir unsere Fahrt zum Indira-Ghandi-Flughafen fortsetzen.

 Nach einigen Kilometern verbreitert sich jetzt die Straße auf vier Spuren, doch deshalb geht es nicht schneller voran, denn die beiden äußeren Fahrspuren sind von Langsamfahrern blockiert, d.h. von Rikschas, klapprigen Fahrrädern, dreirädrigen überfüllten schwarzgelben Minitaxis oder plötzlich quietschend anhaltenden Bussen.  Minilaster, völlig überladen, tuckern, wie alte Schlepper in einem engen Hafenbecken eines Überseehafens, ständig von einer Fahrspur auf die andere, hin und her. Das bei der Fahrzeugdichte nicht mehr Unfälle passieren, bleibt mir ein Rätsel. An den Bushaltestellen und Taxiständen finden sich zu dieser Zeit große Trauben wartender Menschen. Alle schnattern wild durcheinander, wie man im Vorfahren sehen und hören kann. Gleichzeitig spürt man aber auch die Engelsgeduld der vielen eng beieinander stehenden Menschenmassen. Wir schwimmen langsam im Verkehrsfluss dahin.

Die Bebauung verdichtet sich und die Luft wird mehr und mehr vom Dieselgestank erfüllt, auch wenn es nicht mehr so schlimm wie früher ist. Wir nähern uns den Vorstädten des Millionen-Molochs Delhi, wo Arm und Reich eng beieinander leben. Während der Fahrer erzählt, dass Delhi eine U-Bahn bekommen hätte, biegt er auf die neue Ringstraße, dem so genannten Highway, ab und wir umfahren Delhi in östlicher Richtung. Die erste Strecke der U-Bahn sei bereits eröffnet worden, fügt er noch voller Stolz hinzu. Wir überqueren eine andere "Schnellstraße". Links dieser Straße schimmern in schemenhaftem Mondlicht die in dunkle Plastikplanen gehüllten Slumhütten des Armenviertels und rechts, von leuchtenden Straßenlaternen eingerahmt, die mehrgeschossigen Wohnblöcke des neuen Mittelstandes. Man hat den Eindruck, als würden die Wohnsilos die schwarz wirkende Plastikmasse mehr und mehr bedrängen. Und nur der moderne Highway könnte die beiden sich gegenüberstehenden Gruppen vor unüberlegten Handlungen bewahren.

 Gegen 22.00 Uhr erreichen wir endlich  den Internationalen Flughafen von Delhi. Das Flughafengebäude kann nur betreten, wer ein gültiges Flugticket vorweisen kann, d.h. für einen geplanten Abflug in den nächsten Stunden. Es wimmelt von Menschen. Abschiedsszenen vor dem Gebäude, hupende Taxis, fluchende Gepäckträger. Ich betrete das Flughafengebäude. Nach einer kurzen Verschnaufpause begebe ich mich bereits zum ersten Check-in, obwohl der Abflug erst gegen drei Uhr nachts ansteht. Doch, wie sich in den folgenden Stunden herausstellt, war diese Maßnahme sehr weise, denn alles dauert hier etwas länger als in Europa. Ich benötigte für alle Checks, d.h. Ticket, Gepäckabgabe, Check-in, Reisepass, Zoll, Security-Check mehr als drei Stunden. Bei einigen Maßnahmen muss ich bis zu einer dreiviertel Stunde anstehen. Um kurz nach Mitternacht verlassen nämlich die meisten Flüge den indischen Subkontinent in Richtung Europa.

 Der Lufthansaflug ist hoffnungslos überbucht und man bietet mir gegen ein lukratives Entgelt an, noch eine Nacht in einem Luxushotel in Delhi zu verbringen, auf Kosten der Fluggesellschaft versteht sich. Doch ich lehne dankend ab, denn nach sechsstündiger Taxifahrt über indische Straßen möchte ich nur noch alles hinter mich bringen. Gegen 2:30 Uhr ist unser Flieger zum Einsteigen bereit. Alles scheint in Ordnung. Wir verlassen pünktlich unsere Warteposition, um allerdings dann irgendwo auf dem Rollfeld gleich wieder zu parken. Es gibt irgendein Problem mit einem der Triebwerke. Die Reparatur dauert und dauert. Der Kabinenservice versucht die Passagiere mit gezielten Gesprächen bei Laune zu halten. Niemand murrt, alle sind übermüdet und nehmen alles mit stoischer Gelassenheit hin. Ich denke noch, vielleicht hätte ich doch das Angebot annehmen und noch eine Nacht in Delhi verbringen sollen. Doch nach zwei Stunden ist der Jumbo endlich startklar und los geht’s!

 Nach weiteren siebeneinhalb Stunden Flug erreichen wir, natürlich mit zweistündiger Verspätung, endlich Frankfurt. Von oben sieht alles weiß und kalt aus. Minus 7 Grad warnt uns der Pilot über den Lautsprecher unmittelbar vor der Landung. Nach der Landung muss ich auf Grund der Verspätung in Frankfurt feststellen, dass der Anschlussflug nach Hannover bereits davon geschwebt ist. Ich irre durch die schier endlosen Flughafengänge, wie so viele andere, denn eine Maschine aus Washington, USA, hatte ebenfalls zwei Stunden Verspätung. Die Bodenstewardessen scheinen auf Grund des plötzlichen Andrangs hoffnungslos überfordert. Dann fällt auch noch die Anzeigetafel für Inlandsflüge aus. Das Chaos ist scheint perfekt, doch irgendwie regelt sich dann alles wieder wie von selbst.

 Irgendwann gelingt es auch mir, an einem der vielen Abfertigungsschalter jemand zu finden, um meinen Weiterflug arrangieren. Doch wieder muss ich mich sputen, haste wieder durch die endlosen Gänge, jetzt in entgegengesetzter Richtung, denn die nächste Maschine nach Hannover wurde bereits aufgerufen und ich benötige noch eine Viertelstunde zum Abflugterminal. Doch irgendwie schaffe ich es und sitze mit vielen anderen gehetzt in einer kleinen Maschine Richtung Hannover. Aus den Gesprächsfetzen ist zu entnehmen, dass viele der Passagiere an Board heute Morgen offensichtlich dieselbe Erfahrung wie ich gemacht haben. Auf dem Flug gibt es für die Economy-Class, Holzklasse, weder Snacks noch etwas zu trinken. Ich habe seit Stunden weder etwas gegessen noch getrunken. Man gut, dass ich noch einen Rest Wasser von meiner Taxifahrt vom Vorabend im Handgepäck habe. Dieser Rest war jetzt einfach Gold wert.

 Gerädert, übermüdet, doch überglücklich, erreiche ich nach nunmehr 24 Stunden schließlich Hannover und warte sehnsüchtig auf meinen Koffer, der, wie sich herausstellt, die Umbuchung in Frankfurt nicht so schnell verkraftet hatte wie ich. Wieder anstehen, Nachforschungsantrag stellen. Mit lieblicher Stimme versichert mir eine freundliche Stewardess, dass der Koffer noch am selben Abend zu mir nach Hause gebracht würde. Es gäbe heute sehr viele Probleme mit Verspätungen, heißt es weiter von der netten Dame. Und schließlich, beruhigt mich der Gedanke: was soll man denn wohl mit dem Koffer eines Hannoveraners voll schmutziger Wäsche in Frankfurt anfangen? Gegen 18:30 Uhr kommt dann auch der Koffer, gebracht von einer Spedition, bei mir zu Hause an. Das war der ganz normale Wahnsinn meiner 24 Stunden dauernden Rückreise aus Indien Anfang März 2005.