Die Notwendigkeit eines Gurus
von Sri Swami Chidananda Maharajbearbeitet von Divya Jyoti
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Ist ein Guru auf dem Sektor der Spiritualität unentbehrlich? Mag sein, dass man einen Guru (spirituellen Lehrer) nicht so leicht findet, doch ich kann versichern, dass man nicht auf ihn verzichten kann, - welchen Hindernissen man sich auch immer gegenübersieht. Von wem sollte man lernen, wenn niemand etwas lehrt? Woher sollte man etwas bekommen, wenn niemand da ist, der etwas gibt? In Indien hat man dafür folgendes Beispiel: Wenn man lernen möchte, wie man aus einem Klumpen Ton einen Topf formt, muss man als Schüler zu einem Lehrer gehen, der über das entsprechende Wissen verfügt. Wer ein Essen zubereiten möchte, wird von jemand ein Rezept benötigt, der bereits Erfahrung damit hat. Vielleicht werden Zutaten für die Zubereitung benötigt, die einem bislang unbekannt waren, oder man möchte wissen, wo diese Zutaten erworben werden können. Der erfahrene Koch wird mit seinen Erfahrungen weiterhelfen. Auf allen möglichen Ebenen bedarf es immer wieder Hilfe, um den Weg zum Erfolg zu ebnen.
Wer ist ein wirklicher Guru? Ein wirklicher Guru ist jemand, der auf dem Weg bereits Erfahrungen gemacht hat. Er muss nicht Jesus oder Buddha sein, doch sollte er aufrichtig, ernsthaft sein und ein auf Gott gerichtetes Leben führen. Er muss einen Zustand der Reinheit und Selbst-Kontrolle erreicht haben, in der Wahrheit begründet und auf dem Yoga-Weg weiter fortgeschritten sein als man selber ist. Er kann einem erzählen, was wichtig ist, den Weg aufzeigen, den man beschreiten sollte, und entsprechend leiten. Im Westen ist es nicht leicht, einen kompetenten Guru zu finden, was sicherlich hinderlich ist. Auch wenn man keinen Guru findet, der im höchsten Samadhi und Selbst-Kontrolle etabliert ist, muss man nicht führerlos und ratlos umherlaufen. Man sollte zu jemand gehen, der auf dem Weg fortgeschrittener ist als man selbst, und der in der Lage ist, mit seiner Erfahrung weiterzuhelfen.
Heutzutage wird an jeder Ecke Yoga angeboten, doch man sollte genau hinschauen, sorgsam auswählen. Wähle die Lehren eines Gurus, der von Grund auf aufrichtig erscheinen, dessen Lehren das Herz berühren und dann beginne man zu üben. Man sollte nicht erst beginnen, wenn man einen Guru gefunden hat oder glauben, man könne nicht ohne einen Guru beginnen. Der Guru kommt eines Tages, wenn die Zeit reif ist. Man sollte mit der spirituellen Praxis beginnen, denn das Göttliche wird den Übenden mit allem versorgen, was notwendig ist. Einige haben gleich von Anfang an einen Guru, - manchmal sogar lange bevor sie mit der Praxis wirklich beginnen. Das ist sehr selten, doch auch wenn kein geeigneter Lehr vorhanden ist, sollte man die spirituelle Praxis nicht auf die lange Bank schieben.
Was ist zu tun, bevor man einen Guru findet? Einige sagen, ohne Guru ist ein Üben unmöglich, doch das ist falsch. Ob nun ein Guru vorhanden ist oder nicht, wenn man erkannt hat, dass das Ziel ‚Gott’ erreicht werden muss, sollte sofort ernsthaft mit der Praxis begonnen werden. Sei bescheiden, aufrichtig, freundlich und leidenschaftslos. Wenn man mit diesen Dingen in Berührung kommt, muss man beginnen, egal, ob ein Guru kommt oder nicht.
Für alles im Universum braucht man einen geeigneten Lehrer, um es zu begreifen, und warum sollte dies nicht auch für das spirituelle Leben gelten? Einige Leute fragen: „Kann Gott selbst nicht mein Guru sein?“ Natürlich, doch Gott kommt als Guru in manifestierter körperlicher Form. Außerordentlich selten kommt Gott direkt und unsichtbar aus dem Herzen. Letztendlich ist es allein Gott, der jener absolute Guru der Gurus ist, der Innenwohnende, der souffliert und den Übenden auf dem rechten spirituellen Weg leitet. Doch ER tritt in das Leben in Form eines körperlichen Gurus ein. Man sollte nicht glauben, man sei die absolute Ausnahme, die keinen Guru benötigt. Es gibt in dieser Welt nur wenige Ausnahmen. Meistens glaubt nur das subtile Ego, Gott wäre selbst von innen hergekommen. Man muss sich eher die Frage stellen, ob nicht das Ego unwillig ist, sich einem menschlichen Lehrer unterzuordnen.
Das Ego und die überbewerteten Sinne richten im Menschen ein Chaos an. Vielleicht ist es besser, sich zurückzuhalten, bescheiden zu sein und zu versuchen, von anderen Quellen zu lernen. Letztendlich ist das Ego das größte Hindernis. Man will Befreiung erlangen, doch wer oder was denkt wirklich an Befreiung? Es ist das kleine Ego. Das Eliminieren des Egos ist die ganze Spiritualität. Die Guru-Tradition ist eine höchst effektive Methode, die helfen kann, dieses Ego in einer bestimmten Weise zu eliminieren. Es gibt so viele Wege und Prozesse, um auf praktische Weise das Ego zu eliminieren, doch nur mithilfe eines Gurus kann man den Prozess der Eliminierung des Egos wirklich tagtäglich praktizieren.
Das Ego ist wirklich sehr subtil. Ein schwankendes, kaum auszumachendes Ego kann zu folgender Überlegung führen: „In früheren Zeiten gab es selbst-verwirklichte Gurus, denen man sich anvertrauen konnte, doch heutzutage findet man keine mehr. Wie kann man sich irgendwelchen Lehrern anvertrauen?“ Wer sagt einem, dass man sich irgendwelchen Yoga-Lehrern anvertrauen, unterwerfen oder gar hingeben sollte? Dass man keinen geeigneten Lehrer bzw. Guru findet, ist eine ganz persönliche Annahme, die auf mangelndes Vertrauen gegenüber dieser Art Lehrer beruht. Auch die Behauptung, „es mag Gurus geben, jedoch nicht mehr für mein fortgeschrittenes Stadium“, führt kaum weiter. Von welchem spirituellen Wissen reden solche Menschen überhaupt? Sie haben ihren Kopf mit Bücherwissen voll gestopft und spielen sich damit auf. Man sollte sich besser vor derartigen subtilen Gefühle schützen: „Ich bin bereits einen so langen Weg gegangen. Ich bin nicht wie die anderen. Ich bin eine Ausnahme.“ Das ist Maya, eine Illusion; es braucht vielmehr Demut.
Einige Leute nehmen verstorbene Heilige als Guru. Dieses ist sehr bequem, denn diese Schüler haben kein Gegenüber, das widerspricht, zurechtweist oder gar auf irgendwelche Fehler hinweist. Das Ego dieser Leute wird bleiben, auch wenn sie morgens und abends von Hingabe murmeln. Doch jetzt wissen sie zumindest etwas über Hingabe. Wie können sich diesen Menschen prüfen? Nur wenn man als Schüler in direktem Kontakt mit einem Guru und Lehrer kommt und Anweisungen erhält, wird man feststellen, wie es mit der Hingabe wirklich bestellt ist.
Einen verstorbenen Heiligen als Guru zu nehmen ist so, als würde man Gott als Guru nehmen. Gott widerspricht nicht, und selbst wenn er widerspräche, nähme man IHN nicht wahr. ER widerspricht oft dem mangelnden Gehorsam und sendet entsprechende Nachrichten, doch man wird ständig abgelenkt oder versteht sie nicht, nimmt sie nicht wahr. „Der Mann war schlecht zu mir und hat mich beschämt.“ Man denkt nie daran: „Möglicherweise war dies Seine göttliche Botschaft, die ich nicht verstanden habe. Habe ich mich zuvor richtig verhalten?“ Man sollte nicht den bequemen Weg gehen und einen stillen unsichtbaren Guru wählen. Dieser Guru kann das Ego nicht prüfen. Darum sollte man die Augen offen halten und wach sein für das, was man tun und wie man handelt.
Es gibt Gurus. Sie kommen und führen, wenn man innerlich ausreichend gereinigt und bescheiden ist. Das Bücherwissen macht für den Guru keinen Unterschied. Ein Mensch mag einen Doktortitel haben, doch wenn er sich verirrt muss er selbst einen zufällig anwesenden Analphabeten nach dem Weg fragen. Es gibt Gegenden, die nicht kartographisiert sind. Derjenige, der bereits den Weg beschritten hat, ist in der Lage zu helfen. Man mag glauben: „Ich kann alle Zeichen lesen und mir selbst helfen“, doch wenn man in ein Land kommt, dessen Sprache und Schriftzeichen unbekannt sind, was dann? Da hilft alles bisherige Wissen nichts. Man kann nicht einmal die Speisekarte lesen. Man weiß nicht einmal, aus welchem Wasserhahn kaltes bzw. warmes Wasser kommt.
Der spirituelle Pfad bietet weder eine Landkarte noch kennt man dessen Sprache. Mit all dem Bücherwissen und aller Allgemeinbildung hat man nicht das Handwerkzeug zur Selbstkontrolle, zum richtigen philosophischen Hinterfragen, zur Unterscheidungsfähigkeit oder Demut. Man weiß nicht, was zu gegebener Zeit als Information für einen bestimmt oder wichtig ist.
Innere Stärke und die Kraft des Bemühens sind das Handwerkszeug, das nicht durch Buchwissen ersetzbar ist. Viele Qualitäten müssen in einer Schülerschaft kultiviert werden. In der Schülerschaft beginnen diese Qualitäten zu gedeihen. In einer Schülerschaft ist ein tiefes Wissen verborgen. Es gibt gute Gründe, warum Gurus auf ein Lehrer-Schülerverhältnis bestehen, denn nur das ermöglicht wirklichen Forschritt. Man sollte nicht glauben, bereits ein Meister zu sein, bevor man Schüler war. Man muss alle Stufen spiritueller Entwicklung durchlaufen.
Gott steht einem immer zur Seite, und Lehrer gehen nicht fehl. Es gibt diese Lehrer, auch wenn nicht in so großer Zahl wie früher einmal. Wahre Schülerschaft ist etwas sehr Seltenes. Man sollte immer auf das Göttliche schauen und um Licht und Führung bitten. Wenn man wirklich ein Schüler sein möchte, wird der Guru Schutz gewähren. Wenn man zum spirituellen Leben bereit ist, wird der Guru da sein und Schutz gewähren. Das ist das Gesetz Gottes, das Gesetz des spirituellen Lebens. Mögen alle einen wirklichen Guru im Leben finden, der hilft, den spirituellen Pfad zu beschreiten.
OM TAT SAT