Die Philosophie der Bhagavadgita
Auszüge aus einer Vortragsreihe von Swami Krishnananda 1980Ausgewählt von Swami Hamsananda
Deutsche Übersetzung: Divya Jyoti
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -
Inhaltsverzeichnis:
Die Vorstellung von Gott ist gefühlsabhängig
Menschen sind nur Glücksritter
Man wird nicht mit dem Tode bestraft
Alles ist gut, alles ist richtig
Es gibt nur eine Religion auf der ganzen Welt
Man muss die Dinge richtig verstehen
ER kann nicht jedem erscheinen
Möchte man nicht seine Individualität bewahren?
Man nimmt die Schale und nennt es die Weisheit der Welt
Das eigene Herz ist der Richter
Gesetze beschützen
Gesetze beschützen. Sie bestrafen nicht immer. Sie beschützen, wenn man sie befolgt. Sie bestrafen, wenn man sie missachtet. Das Leiden im Leben kann also der Missachtung der Gesetze, die in dieser Welt wirken, zugeschrieben werden. Man glaubt, dass man nur die Gesetze eines bestimmten Landes, einer Gemeinschaft oder Familie, in die man hineingeboren wurde, zu befolgen bräuchte. Man glaubt, das würde alles in allem ausreichen. Doch man weiß sehr wohl, dass, wenn man nur die Gesetze der Familie befolgt und die Gesetze des Landes vernachlässigt, die Familiengesetze nur unzureichend Schutz bieten. Man wird nach den Landesgesetzen verfolgt und bestraft, selbst wenn man die Familiengesetze einwandfrei befolgen würde. Man kann die Analogie weiter ausdehnen. Auch die internationalen Gesetze haben ihre Bedeutung, und wenn man diese einfach beiseite schiebt, selbst wenn man die Landesgesetze patriotisch respektiert, kommt man ebenfalls in Schwierigkeiten. Ein ganzes Land kann in eine prekäre Lage kommen, wenn es die internationalen Gesetze und Geflogenheiten missachtet. So verhält es sich mit allen Dingen. Vielleicht werden die Landesgesetze geachtet, doch die höheren Gesetze, nicht nur die internationalen, sondern auch die interplanetaren, die universalen usw., missachtet, dann wird man leiden. Die Bhagavadgita beschreibt die Struktur des universalen Gesetzes, das überall wirkt. Wenn man es befolgt, wird es Schutz gewähren, wie man ihn zum Beispiel von einer Regierung eines Landes erwarten kann. Alle Gesetze kleiner Instanzen müssen sich unterordnen. Das ist die Botschaft der Bhagavadgita.
Dharma des Lebens
Die Epen der großen Meister in Ost und West befassen sich mit den Dramen des Lebens. Sie beschreiben die Spiele der verschiedensten Umstände und Situationen in allen möglichen Farben. Jede Geschichte sieht anders aus, und doch wirken sie zusammen, um ein vollständiges Bild abzugeben, wie in einem Spiel. Die Personen, die mitwirken, sind in ihrer Handlungsweise unabhängig. Es bedeutet nicht, dass alle Teilnehmer vor dem Betrachter dasselbe Bild am selben Ort in identischer Situation abgeben. Jeder Teilnehmer unterscheidet sich vom anderen, auch sein Auftritt unterscheidet sich von den Auftritten anderer. Doch das ganze Drama ist in sich vollkommen. Es handelt sich nicht um ein ablenkendes Chaos, sondern vielmehr um eine Harmonie. Man mag das Schauspiel. Wenn das Schauspiel vorüber ist, fühlt man sich entzückt. ‚Das war eine wundervolle Vorstellung.’ Auf diese Weise geht man zufrieden nach Hause. Man sagt nicht: ‚Dieser Schauspieler hat dies gemacht oder jener hat sich so verhalten.’ Es gibt zwischen Beiden keine Verbindung. Man erkennt die Verbindung nur auf Grund der verschiedenen Szenen des Dramas, das sich über Stunden hinziehen kann, wobei die szenischen Bilder völlig verschieden sein können. Doch das Ganze vermittelt Befriedigung. So ist das Leben. Das ist die Absicht der Epen.
Die Vorstellung von Gott ist gefühlsabhängig
Die Vorstellung von Gott ist rein gefühlsbetont. Wenn man tief in dieses Thema eintaucht, wird man feststellen, dass man nicht in der Lage ist, die Vorstellung von Gott von der Sinneswahrnehmung zu trennen, wenn man nur das Wesentliche betrachtet. Man nimmt das göttliche oder spirituelle Ideal nicht als materielle Form wahr, doch die sinnliche Atmosphäre muss nicht unbedingt eine materielle Atmosphäre bedeuten. Es ist eine seltsame Organisation des Bewusstseins, dass man als Feld der Sinnesaktivitäten bezeichnet. Wenn von der Sinnenwelt gesprochen wird, müssen nicht notwendigerweise die physische Welt oder materielle Objekte gemeint sein, mit denen die Sinne in Berührung kommen. Es handelt sich vielmehr um ein Arrangement des Bewusstseins, bei dem das Subjekt vom Objekt abgespalten, und bei dem das wahrgenommene Objekt vom wahrnehmenden oder erkennenden Subjekt abgeschnitten wird, und jede Art von lebendiger Beziehung zwischen sich und seinem Objekt verweigert. Die Sinnesaktivitäten scheinen derart, als hätte das wahrgenommene Objekt keine organische Verbindung oder reale Bedeutung für das Subjekt, sodass man es nicht aus vollem Herzen lieben oder hassen könnte, und es auch keinen Einfluss auf das eigene Selbst hätte. So arbeiten die Sinnesorgane. Doch Liebe und Hass haben einen gewissen Einfluss auf das Subjekt, denn es ist nicht wahr, dass die Welt aus isolierten Subjekten und Objekten besteht. Der Krieg, wie er in der Mahabharata beschrieben wird, und in den Arjuna verwickelt war, richtete sich nicht nur gegen einige Leute. Arjuna war in eine ausgedehnte Atmosphäre eingebunden, aus der er sich psychologisch nicht befreien konnte, ein wichtiger Punkt, auf den ihn Sri Krishna aufmerksam machte, und wie er im zweiten und dritten Kapitel beschrieben wird.
Menschen sind nur Glücksritter
Der Mensch ist wie ein Glücksritter, und wenn er ein religiöses Leben führt, mit innerer Selbstzufriedenheit behaftet. Doch Religion wird nicht zur Religion, und Spiritualität nicht zur Spiritualität, wenn die Sicht bzgl. des eigenen Lebens weder mit den Bedürfnissen der göttlichen Natur noch mit der inneren Beziehung übereinstimmt, die Gott, der Welt und der Seele innewohnt. Zwischen der Art zu denken, den Gedanken und der wesentlichen Natur der inneren Beziehung Gottes, der Welt und der Seele, sollte Harmonie herrschen. Auch wenn man vielleicht keine tief greifende Harmonie erreichen kann, so sollte man zumindest eine Tendenz, einen Wunsch, hinsichtlich der Gedanken nach letztendlicher Harmonie verspüren. Selbst der erste Schritt in diese Richtung ist ein Schritt in die richtige Richtung und darum bewundernswert.
Das Universale muss in das Individuelle eingepflanzt werden. Gott muss in das Herz des Menschen hinabsteigen. Letztendlich sollte ein Funken der Wahrheit, ein Funken des Feuers im Menschen gegenwärtig sein.
Man wird nicht mit dem Tode bestraft
Man wird nicht mit dem Tode bestraft. Man lernt nur durch ihn. In der Bhagavadgita gibt es eine einfache Analogie darüber, was beim Sterbevorgang wirklich passiert. Wenn ein Kleidungsstück abgetragen ist, wirft man es weg und legt ein neues an. Wenn man abgetragene Kleidung wegwirft und neue anzieht, dann geschieht das nicht in der Vorstellung, man hätte etwas Wertvolles verloren. Ähnlich verhält es sich, wenn man den Körper wechselt, und man sollte nicht glauben, man hätte durch den Tod wirklich etwas verloren. Dieser Prozess ist notwendig, denn man betritt in Richtung einer persönlichen Veränderung der Werte, für das Wachstum der eigenen Persönlichkeit, ein völlig neues Leben, denn die Gerechtigkeit Gottes soll letztendlich vorherrschen, und die Wahrheit des Universums soll sich auf ewig behaupten. Das Behaupten des Universums in den Erfahrungen sind die verschiedenen Phänomene, die man in dieser Welt sehen kann. Jedwede Veränderung seiner Natur ist seit Menschengedenken ein Bedürfnis zur Behauptung kosmischer Gerechtigkeit. Geburt und Tod sind Teil dieses Bedürfnisses.
Die Antworten Krishnas …
Die Antworten Sri Krishnas an Arjuna kommen aus verschiedenen Ebenen, d.h., von der sozialen, der kosmischen und schließlich der spirituellen Ebene. Ein Problem muss auf verschiedene Art und Weise angegangen werden, denn die Schwierigkeiten kommen aus den Tiefen menschlichen Seins. Eine Schwierigkeit bezieht sich nicht nur auf eine einzige Seite des Lebens, so wie eine Krankheit nicht nur eine physische Ursache hat. Studenten und Interpreter von Schriften sind aufgefordert, alle Aspekte einer bestimmten Situation zu betrachten, selbst wenn es sich um ein Allerweltsereignis handelt. Ein noch so kleines Ereignis ist ein kosmisches Ereignis, selbst wenn es im Allgemeinen sehr unbedeutend erscheinen mag. Eine Angelegenheit mag nicht so unbedeutend sein, wie sie - oberflächlich betrachtet - erscheinen mag. Das Universum ist bei allen Ereignissen außerordentlich wachsam. Darum heißt es, dass es in dieser Welt nichts Geheimnisvolles gibt, alles ist öffentlich und allgemein. Ein Ereignis muss von mehreren Seiten betrachtet werden. Meistens neigt man dazu, die Dinge nur einseitig zu sehen. Politische Themen werden nur aus dieser einen Perspektive angesehen, andere Sichtweisen bleiben außen vor. Studenten der Soziologie und Psychologie wiederum sehen die Dinge nur von ihrem Standpunkt. Religiöse Menschen sehen die Dinge lediglich aus theologischer Sicht usw.
Alles ist gut, alles ist richtig
Alles ist gut, alles ist richtig. Alles ist für einen Menschen zum Besten, der aufhört, eine bestimmte Person zu sein. Diese Person ist ‚unpersönlich’ geworden, und darum ist ihr alles willkommen, denn alles wird in seine ‚Unpersönlichkeit’ absorbiert, - ein Genius von einem Individuum. So wie jeder Fluss dem Ozean willkommen ist, denn er absorbiert in sich alle Gewässer. Von der Art ist das Verstehen und die Großzügigkeit einer ‚unpersönlichen’ Person, der Sthitaprajna, das vollkommene Individuum, wie sie im zweiten Kapitel der Bhagavadgita beschrieben wird. Jemand mit einem klaren Verstand, dessen Bewusstsein, nicht bei jedem kleinen Windhauch ins Wanken gerät, ist ein spiritueller Stallwächter, Jivanmukta genannt. Welch’ wundervolle Botschaft in einem einzigen Kapitel. Und welch’ wundervolles Problem aus dem ersten Kapitel. ‚Pflicht’ ist der Name dieser weisen Ermahnung des großen Meisters der Bhagavadgita, Bhagavan Sri Krishna.
Das ist kein Yoga-Weg
Es ist schwierig, die Sinne auf normalem Weg unter Kontrolle zu bringen. Alles Bemühen, die Sinnesorgane kraftvoll zu unterdrücken, ist nicht von Erfolg gekrönt. Wie störrische Pferde, die nicht gewillt sind, einen Wagen zu ziehen, wie wilde Bullen, die nicht bezähmbar sind, wie feurige Biester, die man erst bestrafen muss, um sie ansprechen zu können, so impulsiv, ungezügelt und unverbesserlich sind die Sinne in ihrem Charakter und Verhalten. Mit Kraftaufwand können die Sinne über eine gewisse Zeit scheinbar kontrolliert werden, doch das Unterdrücken von Wünschen bedeutet keine Kontrolle der Wünsche. Die so genannten Repressalien führen zu Reaktionen in unerwünschter Art und Weise. Die unerfüllten Wünsche werden eines Tages Rache nehmen, indem sie sich irgendwann zu ihrer Erfüllung vehement durchsetzen werden, mehr noch als unter normalen Umständen. Was ist der Weg? Das Sublimieren der Wünsche durch die Kunst des Yoga, und nicht das Unterdrücken der Impulse ins Unterbewusste, - das ist kein Yoga.
Es gibt nur eine Religion auf der ganzen Welt
Die Inkarnationen haben in ihrer Wirksamkeit verschiedene Abstufungen und sind je nach Situation von einem bestimmten Muster oder einer bestimmten Form. Daher gibt es eine Vielheit von Botschaften der Propheten und Inkarnationen, die von den verschiedenen Religionen der Welt akzeptiert werden. In Wahrheit handelt es sich nicht um viele. Es scheint nur so, auf Grund unterschiedlicher Umstände, die einen Abstieg erforderlich machten, so wie unterschiedliche Medizin für verschiedene Krankheiten verordnet wird. Das bedeutet nicht, dass die Verordnungen/ Botschaften alle voneinander getrennt sind und keine Beziehung zueinander haben. Es gibt Beziehungen, doch sie scheinen auf Grund der unterschiedlichen Fälle nicht zu existieren. Obwohl es offensichtliche Unterschiede in den Lehren der von den Menschen akzeptierten Religionsführer und Inkarnationen gibt, so sind die Unterschiede doch nur oberflächlich. Die Absicht ist immer die gleiche. Sie stammen aus derselben Quelle, um die allgemeinen Bedürfnisse zu erfüllen. Man kann darum sagen, es gibt nur eine Religion auf der ganzen Welt, die sich nur auf Grund der Zeitepoche und dem historischen Weltklima im Universum, wo sie entstanden sind und wirkten, unterscheiden. Das ist die eine Botschaft des vierten Kapitels der Gita. Ein großes Wunder Gottes wirkt als Inkarnation in den verschiedenen Ereignissen der Welt, zu jeder Zeit, ewig.
Man muss die Dinge richtig verstehen
Wer durstig ist, muss etwas trinken. Wer hungrig ist, muss etwas essen. Wenn man müde ist, muss man sich hinlegen und schlafen. Warum sollte man sich selbst ermüden? Yoga ist keine schmerzhafte Disziplin, die man sich auferlegen muss. Es ist auch keine Tortur, der man sich unterzieht, keine medizinische Behandlung. Es ist ein glücklicher Prozess, den man spontan, freudig, mit seinem ganzen Selbst, nach eigenem ermessen, ohne jeden äußeren Zwang unternimmt. Das muss man verstehen. Yoga ist eine spontane Bewegung des niederen Selbst zum höheren Selbst!
Die Vorbereitung des Geistes
Der Yoga der Meditation ist Thema des sechsten Kapitels der Bhagavadgita, genannt Dhyana-Yoga. Für die Meditation ist es notwendig, einen angenehmen Ort auszuwählen, der frei von Ablenkungen ist. Der auszuwählende Zeitpunkt für die Meditation sollte frei von irgendwelchen ablenkenden Aktivitäten sein. Ein angenehmer Ort, eine angenehme Zeit, beide Dinge sind wichtig zur Vorbereitung. Doch noch wichtiger als Ort und Zeit ist die Vorbereitung des Geistes. Er sollte meditieren wollen und keinen Druck in dieser Hinsicht empfinden. Man sollte die Meditation nicht nur als lästige Routine empfinden, so als müsste man nachmittags, viel zu spät, zum Mittagessen gehen, obwohl man zu diesem Zeitpunkt gar keinen Appetit mehr verspürt. Nicht der Zeitpunkt allein ist entscheidend, sondern das innere Bedürfnis. Wenn der Geist kein Verlangen hat zu meditieren, kann man jegliche Vorbereitungen bzgl. Ort und Zeit vergessen. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, befriedigende Resultate zu erzielen, weil der Geist nicht auf das Meditieren vorbereitet ist.
ER kann nicht jedem erscheinen
Das ‚Ich-bin-Was-ich-bin’ ist Gott selbst und nicht Gott, wie ER den Menschen erscheint. ER kann nicht jedem erscheinen, denn ER ist kein Objekt, wie es für jeden Menschen erkennbar oder wahrnehmbar ist. Die Bhagavadgita betont, dass Gott Alles-in-Allem und in keiner Weise beschränkt ist, auch nicht durch etwas Äußeres, denn für IHN gibt es nichts Äußeres. Die Bewegung der Seele hin zu Gott wird darum, unter der Bedingung dieser übergeordneten Definition Gottes, zu einem unerklärlichen Prozess. Die Vorstellung von dieser Bewegung wird in Verbindung mit der Allgegenwart des absoluten Seins bestimmt, und doch muss sie erklärt werden. Es sieht nicht so aus, als würde die Bewegung des Strebens in Richtung Gott horizontal durch Raum und Zeit verlaufen. Es ist auch kein Überwinden von Entfernungen wie auf einer Straße, es ist vielmehr wie ein Aufsteigen von einer niederen zu einer höheren Ebenen. Wenn man aus einem Traum erwacht, dann fährt man nicht wie mit einem Auto auf der Straße, und doch reist man. Diese Reise ist eine psychologische Bewegung, mehr noch ein wirklich unerklärliches Aufsteigen vom Niederen zum Höheren als eine Bewegung in eine bestimmte Richtung im Raum.
Man muss sehr bescheiden sein
Auf dem spirituellen Pfad muss man sehr bescheiden sein, und man sollte nicht glauben, man befände sich auf höchster Ebene. Wer könnte, selbst nur eine Sekunde lang, glauben, dass er selbst nicht der Handelnde wäre? Man kann es kaum in Worte fassen, aber glaubt man nicht allen Ernstes, man wäre der Handelnde? Das ist wirklich eine ernsthafte Angelegenheit. Doch wenn Gott vom Menschen Besitz ergriffen hat, und der Weg klar ist, d.h. der nördliche, der südliche Weg oder irgendein anderer, ist es nur eine empirische Bewegung des Bewusstseins im Körper. Für eine Seele jedoch, die mit Gott vereint ist, bedarf es dieser Wege nicht, denn für SIE ist die Befreiung garantiert, und Gott wird in jeder Hinsicht zu Allem-in-Allem, zum Freund, Unterstützer, Beschützer und Wohltäter in jeglicher Weise.
Möchte man nicht seine Individualität bewahren?
Möchte man nicht seine Individualität in der spirituellen Praxis bewahren? Obwohl es wahr ist, dass man sich spirituell oder religiös bewusst ist, hängt man nicht dennoch am eigenen Ego oder seine Persönlichkeit? Wenn das so ist, ist die Vision weit entfernt. Wer auch immer übt, arbeitet zu seinem eigenen Vorteil; wer auch immer IHN als die höchste Seele annimmt, in niemand einen Feind sieht, sieht alle Dinge mit Gleichmut an, ohne Unterschied des Standes, gut oder schlecht; wer auch immer aus vollem Herzen diese Wunder als das einziges Lebensziel betrachtet, wobei alles Andere ein Beiwerk oder eine Vorstufe dieser großen Verwirklichung ist, wenn jemand von diesem spirituellen Streben besessen ist, dessen eigenes Sein wird in der Liebe des einen Gottes völlig verwandelt. Wenn jemand Gott sucht und nur Gott allein, nichts Anderes, im höchsten Sinne des Begriffs, der wird eine Gott-Vision unmittelbar erfahren. Insoweit wie es keine Isolierung der Individualität in Gott gibt, um IHN zu erfahren, insoweit wird man auch frei von der Individualität des eigenen Selbst sein. Es scheint, dass Gott allein Gott schauen kann. Gott erfährt Gott; Gott verwirklicht Gott. Es ist nicht der Mensch als Mensch, der sich selbst als Mensch bewahrt und dann Gott erreicht. Es ist nicht der Mensch, der Gott erreicht, sondern die Vision Gottes bricht in IHM selbst auf, und Gott sieht sich selbst in Gott. Es ist ein mystisches Rätsel, ein Geheimnis, nur für aufrichtige Seelen zugängig, und wenn ihr Herz rein ist, werden sie mit dieser Schönheit der Erfahrung gesegnet.
Die Bausteine des Kosmos
Jene, die sterben, wenn Sattva überwiegt, steigen in höhere Regionen auf, dem Reich der Engel, dem Paradies, Svarga-Loka, wie es genannt wird. Jene, die zum Zeitpunkt des Todes von rajasischer Natur sind, kommen in die sterbliche Welt rastloser Aktivitäten zurück. Tamas hingegen zieht die sterbliche Seele sogar hinab in niedere Regionen des Leidens und des Unbewussten. Diese Gunas kehren immer wieder, wie ein Rad, und sie ruhen niemals in sich selbst im Zustand der Harmonie. Das ganze Universum ist aus diesen Gunas aufgebaut, der Substanz von Prakriti; innen wie außen sind nur diese Gunas gegenwärtig. Dieses sind die Bausteine des Kosmos. Jemand, der diese Gegenwart des Charakters der Prakriti unberührt erkennt, die Tatsache, dass die ganze Welt ein Drama dieser Eigenschaften ist, der bleibt als Zeuge dieses Schauspiels auf der Bühne der Erfahrungen, die durch die Gunas bedingt sind, - jemand, der unberührt über diesen Dingen steht, der hat die Gunas transzendiert, und derjenige, der auch über die Operationen der Prakriti hinausgegangen ist, ist bereit in Brahman, das Absolute, einzutreten.
Man nimmt die Schale und nennt es die Weisheit der Welt
Man begnügt sich mit einer Schale und nennt es die Weisheit der Welt. Es besteht nur ein phänomenaler Kontakt mit der äußeren Form von ‚etwas’, das irgendwie zu existieren scheint, aber auf das man keinen richtigen Zugriff hat, und in das man nicht wirklich eintreten kann. Selbst das formale Wissen, das man von den Dingen der Welt hat, ist nicht verlässlich. Man hat keine Kenntnis von dem Ding-in-sich-selbst. Man macht nur Bekanntschaft mit der Form, dem Namen, dem Komplex oder mit einem Bündel von Beziehungen, d.h., mit äußeren Details, aus denen sich das Objekt zusammensetzt. Doch selbst diese Wahrnehmung von Äußerlichkeiten ist, bedingt durch die Sinnesorgane, den Geist und den Intellekt, nur fehlerhaft, und so ist selbst dieses formale Wissen unzureichend. Darum kann man mit Fug und Recht behaupten, dass man überhaupt keine Kenntnis von irgendetwas hat. Man tastet im Dunkeln, in tiefer Unwissenheit, und glaubt, man wäre weltlicher Hinsicht weise, doch man weiß überhaupt nichts. Und das ist nicht das Wissen, was hier gemeint ist, wenn es heißt, dass das Wissen die Befreiung oder Freiheit des Spirits ist. Hier geht es um das Wissen von Gott. Wissen ist Sein, als solches. Hier geht es um das Betreten der eigenen wahren Natur in das Sein aller Dinge. Dort findet die Vereinigung von Seher und Gesehenem in der Weise statt, dass das Sein des Sehers zum Sein des Gesehenen wird und umgekehrt. Gott betritt den Menschen und der Mensch betritt Gott, so wie die Flüsse sich in den Ozean ergießen und der Ozean die Flüsse aufnimmt und umarmt, sodass man sie irgendwann nicht mehr voneinander unterscheiden kann, was Fluss und was Ozean ist. Derart ist die Bestimmung der Seele, wenn sie Purushottama erreicht, die absolute Person über allen Persönlichkeiten und Formen. Wer dieses Wissen erreicht, ist für immer von allen Bindungen befreit.
Das eigene Herz ist der Richter
Zwei Bedürfnisse wirken zusammen, beide konkurrieren miteinander, und darum ist die Yogapraxis keine einfache Angelegenheit. Das ist schwierig, denn man muss sich zwischen zwei gegensätzlichen Machtströmungen bewegen, und, mit welchen Verständnis auch immer, ist es notwendig, sich von den nach außen strebenden Impulse zu befreien. Das Bemühen des Bewusstseins, sich bedarfsgerecht, harmonisch nach innen zu bewegen, - einem Bedürfnis, das zum Zentrum hin neigt, das überall ist, und was man als Gott, das Absolute, bezeichnet, - das ist wirklich Yoga. In traditioneller und epischer Weise wird im sechsten Kapitel der Gita mit dem philosophischen und spirituellen Hintergrund auf diese beiden Kräfte, der dämonischen und der göttlichen, eingegangen. Es ist nicht einfach, sich mit den nach innen strebenden Kräften zu bewegen. Alle Menschen sind aus praktischen Gründen phänomenale Individuen, die eine kleine Verbindung zur Wirklichkeit haben. Es kann sein, dass nicht jeder auf der gleichen Evolutionsstufe steht, doch jeder ist sein eigener Richter, um zu erkennen, wo er im Evolutionsprozess steht. Das eigene Herz ist der Richter, und niemand anders kann besser urteilen.
Yajna - Feueropfer
Gott-Sein ist das größte Opfer, da das der Zustand ist, wo die gesamte Individualität und der Egoismus abgeschafft werden. Der Zustand von Gott ist das höchste Opfer. In den indischen Schriften wird Gott als Yajna (Feueropfer) oder das große Opfer bezeichnet. Damit wird beabsichtigt, das selbst das Letzte der Individualität in der Feuersbrunst universalen Wissen oder universaler Verwirklichung ausgelöscht wird. Um Gott zu erreichen, muss man sich selbst opfern, denn der höchste Zustand von Ich-losigkeit ist Gott- Sein. Um diesen Zustand des Gott-Seins nahe zu kommen, muss man sich opfern oder sein Ego Schritt für Schritt hingeben. Hingabe bzw. Opfer des eigenen Selbst ist das Prinzip wahren Loslassens oder Selbstaufgabe, - Sannyasa oder Tyaga. Aus Sicht des Strebens nach Gott, ist es die Pflicht, seine Persönlichkeit, sein Ich und seinen Egoismus zu opfern, hinzugeben, aufzugeben. Man ist an diese Pflicht in Bezug auf Gott gebunden, man muss sich opfern.
Daana - Wohltätigkeit
Neben dem Opfer gegenüber Gott, hat man Pflichten gegenüber der Welt: die Wohltätigkeit, Daana. Man darf keine Besitztümer horten, wenn man mit der Welt im Einklang leben will. Respekt gegenüber dem Wohlergehen anderer und das Achten der Werte anderer ist das Prinzip von Wohltätigkeit, was auch das Teilen eigener materieller Güter, Besitztümer, einschließt. Ein innerer Respekt gegenüber anderen sollte im eigenen Verhalten insoweit vorherrschen, wie das absolute Selbst in anderen Menschen spürbar ist, denn soweit ist es auch in eigenem Selbst gegenwärtig. Ein Gefühl von Liebe und Zuneigung, mehr zu geben als zu nehmen, ist das Wesen von Daana oder Wohltätigkeit. Wohltätigkeit hat nichts damit zu tun, dass man vielleicht mehr hat als ein anderer, der arm ist. Der Grund ist ein Anderer: alle Menschen sind gleich bedeutend, und sie haben dasselbe Recht zu existieren wie jeder andere. Das Prinzip des Selbseins allen Seins verbirgt sich hinter der Wohltätigkeit gegenüber anderen. Dieses ist die Pflicht gegenüber der Welt des Seins, so wie man Pflichten gegenüber Gott hat, dem absoluten Schöpfer.
Tapas - Selbstkontrolle
Neben dem Opfer gegenüber Gott und gegenüber der Welt, hat man auch eine Pflicht sich selbst gegenüber. Selbstkontrolle ist die Pflicht gegenüber sich selbst, d.h. Strenge, Disziplin, Tapas, was das Gegenteil von Nachsicht gegenüber den eigenen Sinnesorganen bedeutet. Das Verhätscheln des Egos, des Geistes und der Sinne ist schädlich für die Gesundheit. Je mehr man sich selbst kontrolliert, desto besser ist man in der Lage, die Sinne, den Geist und den Intellekt zu zügeln, und desto mehr ist man mit sich selbst zufrieden. Tapas ist die große Pflicht eines jeden Menschen gegenüber sich selbst. Nachsicht verstößt gegen diese Pflicht. Je mehr man sich vor dieser Selbstzufriedenheit hütet, desto rechtschaffener und tugendhafter wird man. Je mehr man sein Ego zufrieden stellt und gegenüber den Bedürfnissen der Sinne nachsichtig ist, desto weiter ist man von einer rechtschaffenen Lebensführung entfernt. Darum ist es die Pflicht eines jeden, sich in Strenge, Selbstkontrolle und dem Zurückziehen der Sinne, dem Geist und Intellekt, zu üben.
Wohltätigkeit ist die Pflicht gegenüber der äußeren Welt. Das Opfer ist die Pflicht gegenüber Gott, Selbstkontrolle ist die Pflicht gegenüber sich selbst. Diese drei Pflichten dürfen unter gar keinen Umständen aufgegeben werden. –
OM TAT SAT