Erleuchtetes Leben
Auszüge einer Übersetzung der Patanjali Yoga-Sutras
von Swami Venkatesananda, einem Schüler von Swami Sivananda Maharaj
Übersetzt von Anne Schulz 1975, bearbeitet von Divya Jyoti
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -
Es gibt eine Vielzahl ausgezeichneter Übersetzungen der Sutras. Diese hier ist jedoch eine Interpretation. Auch gibt es verschiedene tiefgreifende Kommentare. Dieses ist keine Kommentierung. Die vorliegende Übertragung ist nur für denjenigen geeignet, der sich auf der Suche nach der Wahrheit befindet.
Die herbe, treffende Sprache der Sutras kann in der Übersetzung nicht wiedergegeben werden. Es wurde versucht, die Struktur des Textes zu erhalten, doch mussten in wenigen Ausnahmen leichte Änderungen vorgenommen werden, um den Gedankenfluss zu wahren. Der Sinn wurde dadurch nicht verfälscht. – Die Schreibweise des Sanskrit wurde im vorliegenden Text in einfacher Weise wiedergegeben. –
Yoga legt nicht das Zurückziehen oder gar die Flucht vor der Welt nahe, sondern bedeutet das Aufgeben der geistigen Bedingtheit, die eine Abgrenzung zwischen dem ‚Ich‘ und ‚der Welt‘ erschafft (einschließlich der Welt der seelischen Erfahrungen). Meditation ist eine intensive Suche nach der wahren Eigenart des ‚Ich‘, sie ist weder seelische Gaukelei noch eine Technik zur Tiefenentspannung.
Der Leser wird feststellen, dass die Lehren des Yoga universal sind, die weder den religiösen Glauben noch den Beruf oder Lebensstil stören oder in Frage stellen. Jeder, der lebt, kann zur Erleuchtung kommen, was sofort das tägliche Leben in ein erleuchtetes Leben verwandelt.
Kapitel 1
Yogas chitta vritti nirodha
Yoga geschieht, wenn die Gedankenbewegung in der unteilbaren Intelligenz, in der es keine Bewegtheit gibt, (im Sinne unaufhörlicher und heller Wachsamkeit) zur Ruhe kommt, ohne den Gedanken Ausdruck zu verleihen oder sie zu unterdrücken.
Vritti sarupyam itaratra
Wenn Yoga nicht geschieht und der Geist in Bewegung ist, besteht in der ungeteilten, homogenen Intelligenz eine Wolke der Verwirrung. Im Schatten dieser Wolke kann sich falsche Identifizierung, falsche Erkenntnis oder ein entstelltes Verständnis erheben. Vorstellungen, Ideen oder einzelne Gedankenbewegungen werden als Gesamtheit missverstanden.
Vrittaya pancatayya klista klistah
Diese scheinbaren Bewegungen werden in fünf Kategorien des Geistes unterteilt, egal ob es schmerzliche oder nicht schmerzliche Erfahrungen sind.
Pramana viparyaya vikalpanidra smritayah
Es handelt sich um folgende Bewegungen:
1. Erwiesene Theorien, von denen man annimmt, sie seien zuverlässig und stellten gültiges Wissen dar.
2. Fehlerhaftes Denken oder falsches Wissen, Annahmen und Überzeugungen, falsche Rückschlüsse.
3. Phantasien, Einbildungen, Halluzinationen, die ohne jeden Bezug sind, einschließlich der Täuschung, man stehe bereits über den Gedankenbewegungen.
4. Stumpfheit oder Schlaf.
5. Erinnerung an eine Lehre oder Erfahrung, wobei angenommen wird, man könne die Gedankenbewegung überwinden.
Pratyaksa numana gamah pramanani
Was sind erwiesene Theorien? - Theorien leiten ihren Beweis von einer der folgenden Quellen ab:
1. Aus unmittelbarer Wahrnehmung, Sinneserfahrung oder Intuition
2. Aus Schlussfolgerungen oder Ausweitungen unmittelbarer Wahrnehmungen und Sinneserfahrungen bzw. Überzeugungen: Fehlt dieser unmittelbare Beweis, wird ein mittelbarer Beweis angenommen, was zu Verallgemeinerungen oder Vermutungen führt.
3. Aus heiligen Schriften, anderen Verlautbarungen oder von Autoritäten, wobei deren Aussagen als vertrauenswürdig angenommen werden, was nicht immer richtig sein muss.
Sabda jnana nupati vastu-sunyo vikalpah
Fehlerhaftes Denken oder falsches Wissen beruht auf Irrtümern, missverstandener Identität, wobei die Erkenntnis und darum auch das Wissen fehlerhaft sind und kein Einklang in der Erfahrung zwischen Wirklichkeit und Beschreibung besteht.
Sabda jnana nupati vastu-sunyo vikalpah
Auf Phantasien oder Trugbildern beruhende Eindrücke, Erfahrungen oder Einbildungen sind „Klang ohne Inhalt“, leere Worte ohne Wirklichkeit.
Abhava pratyahara lambana vrittir nidra
Wird das Nichts oder die Leere zum Inhalt des Bewusstseins, herrscht allein die Idee des Nichts im Geist vor, wie beim Zustand des Tiefschlafs.
Anubhata visaya sampramosah smritih
Erinnerung ist das Nichtaufgeben eines Eindrucks, den frühere Erfahrungen hinterlassen haben, und der mit nahezu der gleichen Intensität den Geist-Stoff, wie zur Zeit der ursprünglichen Erfahrung, wieder neu belebt, allerdings ohne die ursprünglichen Einzelheiten und den gefühlsmäßigen Widerhall.
Abhyasa vairagyabhyam tan nirodhah
Das rechte Verstehen und die Erkenntnis des wahren Wesens der fünf Kategorien geistiger Zustände wird gewonnen durch.. :
1. rechtes Bemühen und
2. Vermeiden ablenkender Einflüsse durch Nicht-Wünschen, Begierden usw., die das innere Licht verschleiern. Die absolute Intelligenz bleibt von unwissender Launenhaftigkeit ungefärbt.
Tatra sthitau yatno bhyasah
Beharrliches Streben im Verstehen der Wahrheit, fest begründet in der Unteilbarkeit kosmischer Intelligenz, wird als geistige Übung betrachtet.
Sa tu dirgah kala nairantarya satkara sevito dridhabhumih
Was bedeutet, jemand sei wohlbegründet in der Übung?
Wenn das spontane Gewahr sein oder das kosmische Bewusstsein lange Zeit ununterbrochen anhält und ihm mit ganzem Sein, in aller Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit ergeben ist.
Drista nusravika visaya vitrisnasya vasikara samjna viaragyam
Wie vermeidet man ablenkende Einflüsse, ohne selbst durch diese Bemühung abgelenkt zu werden?
Wenn das Bewusstsein derart arbeitet, dass das überwältigende Verlangen nach den Dingen, die man gesehen oder von denen man gehört hat, auf sich selbst gelenkt wird, ohne das Verlangen zu unterdrücken oder Ausdruck zu verleihen. – Daraus entsteht eine intensive Suche nach dem Wo, Wie und Was des Verlangens selbst: das nennt man Ungefärbtheit oder Leidenschaftslosigkeit.
Tat param purusakhyater guna vaitrisnyam
Zu Anfang scheint das „Umkehren des Verlangens auf sich selbst“ wie eine blinde Unterdrückung, als ein Akt der Selbstopferung oder wie blinder Glaube an eine anerkannte Autorität. Doch irgendwann übersteigt die geistige Suche diese einschränkende Selbstdisziplin und das scheinbar „jenseitige“ DAS wird unmittelbar als frei von allem Verlangen erkannt.
Vitarka vicara nanda smita nugamat samprajnatah
Die Verwirklichung des unbedingten Seins ist zeitweilig mit logischem Denken oder tiefer Ergründung verbunden, teilweise mit einem unerklärlichen tiefgründigen Forschen, einer Erfahrung von Seligkeit oder dem reinen „Ich-bin“. Selbst zu diesen Zeiten bleibt das Bewusstsein in allen Belangen der physischen Subjekt-Objekt-Erfahrung aktiv.
Virama pratyaya bhyasa purvah samskara seso nyah
Das Zurücknehmen aller Anstrengungen in der Meditation führt zur Stille. Zurück bleiben nur Erinnerungen und Eindrücke, die das Ich ausmachen.
Bhava pratyayo videha prakritilayanam
Die so genannten Rest-Eindrücke und deren Ursachen führen zur Wiedergeburt, selbst wenn man vom gegenwärtigen Körper befreit und in die kosmische Natur eingegliedert ist. Diese Erinnerungen nähren und verewigen das Bewusstsein fortdauernder persönlicher Existenz.
Sraddha virya smriti samdhi prajna purvaka itaresam
Den Menschen, denen diese unmittelbare Verwirklichung nicht möglich ist, helfen ein fester Glaube an das Absolute, das Studium heiliger Schriften und regelmäßige Erinnerung an diese Lehren, eine beständige Yoga-Praxis, Selbstdisziplin, innere Harmonie und Wissen durch Meditation die Verwirklichung zu erreichen.
Isvara pranidhanad va
Der Zustand des Yoga wird auch durch wachsame Hingabe an die allgegenwärtige Wirklichkeit, das Sein oder Gott, das Absolute erlangt. Es findet eine unmittelbare Verwirklichung statt, wenn die Suche nach Selbsterkenntnis der eigenen Unwissenheit begegnet, wobei im selben Augenblick durch Erfahrung diese Ego-hafte Unwissenheit in sich zusammenstürzt.
Klesa karma vipaka sayair apramristah purusa visesa isvarah
Wer oder was ist Gott?
Jene einzigartige innewohnende Allgegenwart, die nicht durch Handlungen (Ursache oder Wirkung) berührt ist, von denen Menschen geplagt sind. Es ist Intelligenz, die weder durch Zeit noch Raum bedingt ist, deren Wille allein vorherrscht, die nach der Ich-haften Unwissenheit übrig bleibt, Eins sein.
Tatra niratisayam sarvajna bbijam
In Gott oder der Hingabe an Gott liegt die Quelle höchster und unübertroffener Allwissenheit.
Tasya vacakah pranavah
Die innewohnende allgegenwärtige und einzige Wirklichkeit wird mit der Silbe OM, dem kosmischen Klang, angedeutet. OM ist der ewige kosmische Klang, der in allen Naturerscheinungen gegenwärtig ist (im Donnerrollen, im Rauschen des Windes in den Bäumen, im Rauschen der Wellen des Ozeans oder im Klang der Musik-Instrumente usw.).
Taj japas tad artha bhavanam
Wie wird OM bei der Anbetung Gottes verwendet?
Durch Wiederholung (Japa), indem man sich den Wesensgehalt vergegenwärtigt, d.h. die Wirklichkeit oder Gott, der die wahre ‚Bedeutung‘ von OM ist, oder indem man auf OM kontempliert und sein ganzes Wesen damit erfüllt.
Tatah pratyak cetana dhigamo pyantaraya bhavas ca
Durch konzentriertes Wiederholen von OM entsteht eine innere Sammlung des Bewusstseins. Der Forschergeist, der das Wesen des OM untersucht, vertreibt problemlos alle Hindernisse oder Ablenkungen.
Vyadhi styana samsaya pramada lasya virati bhranti darsana
labdha bhumikatya navastitatvani citta viksepas te ntarayah
Welche Hindernisse?
Krankheit, Stumpfheit, Zweifel, Nachlässigkeit, Faulheit, Verhaftung, verzerrte Ansichten, Ausflüchte, unsteter Geist, mangelnde Konzentration oder Ablenkung.
Duhkha daurmanasya ngam ejayatva svaya prasvasa viksepa saha bhuvah
Folgenden Anzeichen weisen auf einen gestörten, abgelenkten Geist hin:
Apathie, Melancholie, Verzweiflung, Zurückgezogenheit, gestörte Körperbewegungen, ungleichmäßige Atmung, unnatürliche Erhabenheit, versteinerter Gesichtsausdruck.
Tat pratisedhartham ekatattva bhyasah
Um geistige Ablenkungen zu überwinden, sollte man an seinen Übungen festhalten, jedoch nicht übertreiben und nicht ständig Neues ausprobieren wollen.
Maitri karuna mudito peksanam sukha duhkha punya punya
visayanam bhavanatas citta prasadanam
Folgende Haltungen/ innere Einstellungen helfen dem Frieden des Geistes im täglichen Einerlei zu bewahren:
1. Freundliche Offenheit gegenüber allen Lebewesen gleichermaßen.
2. Mitleid mit den Traurigen. Befindet man sich selbst in solcher Situation, Mitgefühl mit jenen, die sich in ähnlicher Lage befinden.
3. Teilhaben, Erfreuen an der Freude anderer.
4. Gleichgültigkeit gegenüber Scheinheiligem, ohne sich selbst hineinziehen zu lassen oder sie zu verachten.
Pracchardana vidharanyabhyam va pranasya
Man kann Ablenkungen durch gleichmäßiges bewusstes Atmen überwinden (Pranayama), Fasten, regelmäßige Meditation usw.
Visayavati va pravrittir utpanna manasah sthiti nibandhani
Ablenkungen können durch Konzentration auf eigene Sinneserfahrungen vermieden werden. Es versteht sich von selbst, dass man sich in diese Erfahrungen nicht verlieren oder daran binden sollte.
Visoka va jyotismati
Man kann sich z.B. auf das innere Licht, eine Persönlichkeit oder Erscheinung konzentrieren, die ohne Kummer und voller Glanz sind.
Vita raga visayam va cittam
Durch Anbetung eines höheren Bewusstseins, eines erleuchteten Wesens, das ohne Bedingtheit ist, können Ablenkungen vermieden werden.
Svapa nidra jnana lambanam va
Man kann Ablenkungen durch ein Festhalten an Weisheiten, die durch Träume, übersinnliche Wahrnehmungen oder gründliches Nachdenken gewonnen wurden, vermeiden.
Yatha bhimata dhyanad va
Ablenkungen können durch Kontemplation auf einen geliebten Gegenstand vermieden werden.
Parama nu parama mahattvanto sya vasikarah
Von Ablenkung befreit, erfasst der Geist oder die Intelligenz das Höchste, sei es noch so klein, groß, unendlich ausgedehnt, personifiziert oder auch nicht.
Ksina vritter abhijatasye va maner grihitri grahana grahyesu tatsthatad anjanata samapattih
Die von Bedingtheit befreite Intelligenz ist nicht stumpf oder leer, sondern rein wie ein Kristall, ohne jegliche Verzerrung. Jedes Objekt, jede Substanz wird von dieser immer wachen Intelligenz ohne Färbung sofort erfasst, aufgenommen und ungefärbt wiedergegeben.
Tatra sabda rtha jnana vikalpaih samkirna savitarka samapattih
Durch Logik erlangte Schlussfolgerungen können verwirrend sein, da erfasste Wörter und deren tatsächliche Bedeutung zu Fehlinterpretationen führen können.
Smriti parisuddhau svarupa sunye va rthamatra nirbhasa nirvitarka
Wenn der Geist von Erinnerung geläutert ist, so ist die Persönlichkeit frei von Bedingtheit, Unreinheit. Dann leuchtet das Wesen oder die Wahrheit ohne jegliche Verzerrung oder Färbung.
Etayai va savicara nirvicara ca suksma visaya vyakhyata
Alles zuvor Beschriebene gilt auch für das innere Forschen, dem spontanen Gewahr sein usw.
Suksma visaytvam ca linga paryavasanam
Wird das subtil Erfahrende des inneren Bewusstseins ununterbrochen beobachtet, gelangt man zu dem, was kein Erkennungs- oder Unterscheidungsmerkmal besitzt, das aber auch nicht leer ist.
Ta eva sabijah samdhih
Das ist die Verwirklichung der homogenen kosmischen Intelligenz, obwohl in ihr noch eine mögliche Teilung vorhanden ist, d.h. das Bewusstsein der Individualität oder des Beobachtenden.
Nirvicara vaisaradye dhyatma prasadah
Die Meisterschaft der Beobachtung beendet die Selbsterforschung, weil das ständige Selbstbewusstsein natürlich ist. Dies ist geistige Erleuchtung, Frieden und Glückseligkeit.
Sruta numana prajna bhyam anya visaya visesa rthatvat
Diese Erkenntnis oder Selbstverwirklichung unterscheidet sich von dem, was man darüber gehört, in den Schriften gelesen bzw. gefolgert hatte.
Tajjah samskaro nya samskara pratibandhi
Diese Form der Verwirklichung eines spontanen Selbstbewusstseins verwandelt das ganze Wesen, bewirkt eine Veränderung, Alle anderen Gewohnheiten und Neigungen werden durch ständiges Selbstgewahrsein überwunden.
Tasya pi nirodhe sarva nirodhan nirbijah samadhih
Wenn auch jene bruchstückhafte Verwirklichung überwunden ist, ist alles überschritten. Dann ist der Suchende völlig in der Suche aufgegangen. Die Wirklichkeit verwirklicht sich selbst, sie bedarf des Individuums nicht, nicht einmal im subtilsten Zustand. Das ist wahrhafte Erleuchtung, d.h. wo kein Same mehr für die Manifestation von Verschiedenartigkeit besteht.
Tapah svadhyaya svara pranidhanani kriya yogah
Das Entfachen des psychischen Feuers, das unmittelbar alle Unreinheiten des Geist-Stoffes verbrennt, und das Studium der heiligen Schriften und die Hingabe an die innewohnende Allgegenwart machen den aktiven Yoga aus.
Samadhi bhavanarthah klesa tanu karanarthas ca
Wer versteht, dass kosmisches Eins-sein Yoga und nicht ein Ergebnis von Übung ist, wird fragen, warum man überhaupt üben sollte?
Das Üben kann helfen, geistige Unruhe zu besänftigen und damit die Aufmerksamkeit auf die Wirklichkeit zu richten.
Avidya asmita raga dvesa bhinivesah klesah
Der Geist ist aufgrund vieler ungelöster Probleme ruhelos, was seelisches Leid verursachen kann, was auf..
1. Unwissenheit
2. ‚Ichbezogenheit‘ mit dem Glauben an eine Individualität
3. Anziehung und Abstoßung, ein natürliches Verhalten,
4. Blindes Verhaftet-sein am körperlichen Dasein
beruht.
Avidya ksetram uttaresam prasupta tanu vicchinno daranam
Nichtwissen um das Eins-sein der kosmischen Intelligenz ist Ursache allen seelischen Leidens, egal ob es verborgen bleibt oder aktiv nach außen tritt.
Anitya suci duhkha natmasu nitya suci sukha tma khyatir avidya
Unwissenheit lässt ein ‚Wissen‘ von ‚Ego‘ entstehen. Nur im Zustand von Unwissenheit wird Vergängliches mit Ewigem, Reines mit Unreinem, Schmerz mit Freude, und das unwandelbare Bewusstsein mit Gedanken und Veränderungen verwechselt.
Drg darsana-saktyor ekatmateva smita
Alles geschieht im kosmischen Bewusstsein, auch das Sehen. Das Sehvermögen sieht. Wenn sich, bedingt durch Unwissenheit, das geteilte Bewusstsein als Sehendes identifiziert, dann ist das Ego im Vordergrund.
Sukha raisayi ragah - dvesah
Aufgrund einer Färbung des Bewusstseins wird etwas als anziehend oder abstoßend betrachtet, wobei die ‚ich-hafte‘ individuelle Erfahrung Schmerz oder Freude verursacht, was auf Unwissenheit beruht. Anziehung und Abstoßung (z.B. Magnetismus) in der Natur entsteht nicht aufgrund von Egoismus der menschlichen Psyche, sondern ist Teil der Manifestation kosmischer Intelligenz.
Svarasavani viduso pi tatha rudho bhinivesah
Blindes Hängen am Leben ist ein Phänomen, ein Tatbestand, der auf Unwissenheit über die wahre Natur beruht. Diese Situation gilt als beherrschbar, weil es sich dabei um die körperliche Hülle handelt, die zur Selbsterkenntnis notwendig ist. Man fürchtet mit dem Tod, den Körper, liebgewordene Gewohnheiten, objektive Dinge, Empfindungen usw. zu verlieren.
Te pratiprasava heyah miksmah
Seelisches Leiden hat subtile Ursachen, nicht zu verwechseln mit ihren Auswirkungen, wie z.B. Zuneigungen und Abneigungen, Gewohnheiten Eitelkeiten. Jedoch können diese Leiden in ihrer Ursache aufgelöst werden.
Dhyana heyas tad vrttayah
Kleine oder größere Bewegungen dieses Leidens können durch Kontemplation beseitigt werden.
Klesa mulah karma sayo arsta drsta janma vedaniyah
Handlungen stehen im engen Zusammenhang, d.h. in einer Kettenreaktion von Ursache und Wirkung. Diese Handlungen führen zu Leiden (Vorstellungen des Egos), die den Lebenserfahrungen in Form von Freude und Schmerz zuzuordnen sind. Egoismus und Unwissenheit verursachen weitere Handlungen. Doch wenn diese Ursachen erkannt werden, stellen sie sich ein.
Sati mule tad vipako jaty ayur bhogah
Solange die Wurzeln der seelischen Unruhe existieren, weiten sie sich aus und tragen Früchte, führen zu mannigfaltigen Erfahrungen. Diese Auswirkungen sind ein Hinweis auf das Fortbestehen von Unwissenheit.
Te hlada paritapa phalah punya ‚punya hetutvat
Diese Erfahrungen sind die bittersüßen Früchte, denen man auf dem gesamten Lebensweg begegnet.
Parinama tapa samskara duhkhair
guna vritti virodhac ca duhkham eva sarvam vivekinah
Die Weisen sehen in allen Freuden den Schmerz, da Freuden Früchte von Unwissenheit sind. Freuden werden von der schmerzlichen Erkenntnis begleitet, dass sie einem Wandel unterliegen. Jede Freude beinhaltet ein Verlangen nach mehr. Ist ein Verlangen erfüllt, kommt Freude auf, doch dann folgt erneutes Verlangen und hinterlässt einen Eindruck, der den Wunsch nach Vermeidung dieses Leidens aufkommen lässt. Daraus ergibt sich ein ständiger Konflikt, der zu seelischen Unstimmigkeiten führt.
Heyam duhkham anagatam
Solange dieser Kummer der Wiederkehr von Freuden durch mangelnde Berührung vermieden wird, tritt auch der seelische Schmerz nicht ein.
Drustr drsyayoh samyogo heya hetuh
Wie kann Berührung vermieden werden? Indem die Struktur dieser Erfahrung verstanden wird. - Die Gedanken richten sich bei der Erfahrung bzw. des Kontakts des Subjekts mit dem Objekt auf Freude und Schmerz. Eine Vermeidung von Leid besteht aufgrund der Einheit des sehenden Subjekts (Betrachter) mit dem gesehenen Objekt (Erfahrung).
Prakasa kriya sthiti silam bhute ndriyatmakam
bhoga pavargartham drsyam
Was ist Objekt, und wie entsteht es?
1. Das Licht der Intelligenz,
2. Die dynamische Aktivität und
3. Die materielle Existenz.
Während der äußere Kosmos das Objekt der Sinne ist, werden vom Unwissenden die Sinne als Objekt des Erfahrens angesehen, obwohl der Kosmos als auch der Erfahrende vom inneren Erfahren untrennbar sind. Doch die Intelligenz hilft, das wahre Wesen richtig zu erkennen und sich auf diese Weise von Unwissenheit zu befreien.
Visesa visesa lingamatra lingani gunaparvani
Es gibt Objekte übernatürlicher Wahrnehmung oder alltäglicher Erfahrung. Objekte können verschiedene Merkmale haben oder subtil sein, ohne jedes Unterscheidungsmerkmal. Ihre Eigenschaften können sich in verschiedenen Entwicklungsstadien befinden. – Der gesamte Kosmos, alle Sinneswahrnehmungen können Objekte sein.
Drasta drsimatrah suddho pi pratyaya nupasyah
In Bezug auf den Sehenden/ Erfahrenden gibt es immer nur den reinen Akt des Sehens/ Erfahrens. Aufgrund von früheren subjektiven Erfahrungen (Sinneseindrücken)/ Vorstellungen/ individuellen Lebensumstände/ Umwelt usw. wird jedes erfahrene Objekt in seiner Wahrnehmung gefärbt.
Tad ariha eva drsyasya tma
Die Existenz bzw. wahre Bedeutung eines Objektes ist die Summe aus dem Wesen und einer bruchstückhaften Erfahrung des Subjektes, bedingt durch die Unwissenheit des Betrachters. Diese bruchstückhafte Erfahrung verursacht den Schmerz. Erst in der ganzheitlichen Erfahrung des Wesenhaften eingebettet in die Einheit des Kosmos wird kein Schmerz erfahren.
Krtartham prati nastam apy anastam tad anya sadharanatvat
Wer Erfüllung erlangt hat, wer das wirkliche Wesen verstanden hat, der kennt keine schmerzliche Berührung. Doch die Möglichkeit der Zersplitterung der Erfahrung besteht weiterhin. Die daraus folgende schmerzliche Berührung wird möglicherweise auch für einen Erleuchteten unter bestimmten Umständen erfahren.
Sva svami saktyoh svarupopalabdhi hetuh samyogah
Durch das Erkennen der individuellen Erfahrung wird der Wunsch nach Wahrnehmung des eigenen Wesens mit all seinen Fähigkeiten/ Kräften (Sinneswahrnehmung usw.) zur Kontaktaufnahme mit „anderen“ Objekten geweckt.
Tasya hetur avidya
Die Erkenntnis des eigenen Wesens ist der Unwissenheit, der individuellen Polarisation zuzuschreiben. Die Erkenntnis/ das Bewusstsein des „Ich“ birgt den Wunsch nach dem „Anderen“.
Tad abhavat samyoga bhavo hanam tad drseh kaivalyam
Wenn diese Unwissenheit der bruchstückhaften/ zersplitterten Wahrnehmung und der daraus folgenden schmerzhaften Berührung überwunden wurde, wird diese Art der Erfahrung als bedeutungslos aufgegeben. Der Sehende wird befreit, fühlt die Einheit mit allem.
Viveka khyatir aviplava hano payah
Ständige Aufmerksamkeit ist das alleinige Mittel, dieser Unwissenheit zu begegnen.
Tasya saptadha pranta bhumih prajna
Diese Wachsamkeit des Bewusstseins ist schon bei den ersten sieben Gliedern der Yoga-Übung von größter Wichtigkeit.
Yama niyama sana pranayama pratyahara dharana dhyana
samadhayo stav angant
Selbst-Disziplin, Befolgung von Anweisungen, Körperhaltungen, Übungen für die Lebensenergie, Konzentration, die Aufmerksamkeit nach-innen-wenden, Konzentration, Meditation und Erleuchtung (Eins-sein) sind die acht Glieder des Yoga oder die unmittelbare Verwirklichung des Eins-sein. Man muss all diese acht Glieder nacheinander durchlaufen, um alle Unreinheiten von Körper, Geist und Seele (physisch, psychisch oder vital) zu beseitigen.
Ahimsa satya steya brahmacharya parigraha yamah
Wenn das Licht der absoluten Intelligenz den Geist-Stoff durchleuchtet, so gewinnt psychologische Ordnung die Oberhand, die sich in folgender Selbstdisziplin kundtut: 1. Gewaltlosigkeit, 2. Wahrhaftigkeit, 3. Nicht-stehlen, 4. Leidenschaftslosigkeit.
Sauca santosa tapah svadhyaye svara pranidhanani niyamah
Folgenden Regeln sind einzuhalten: 1. Reinheit von Körper, Gedanken, Wort, Nahrung und Umgebung, 2. Zufriedenheit (wer nicht zufrieden ist, kann sich nicht konzentrieren), 3. psychisches Feuer (das Verlangen, das festgelegte Ziel der Erleuchtung muss erhalten bleiben), 4. das Selbststudium (Studium von spirituellen Schriften), 5. Hingabe an die innenwohnende Allgegenwart oder ihre Verehrung.
Vitarka badhane pratipaksa bhavanam
Wird man durch Übertreibungen oder eine verkehrte Einstellung abgelenkt, so müssen Gegenmaßnahmen ergriffen werden, um die Hindernisse zu beseitigen. Eine Möglichkeit ist die Kontemplation auf den gegenteiligen Standpunkt.
Vitaraka himsadayah krita karita numodita tobha krodha moha
purvaka mridu madhya dhimatra dhkha jnana nanta phala iti
pratipaksa bhavanam
Manchmal kommt es zu eigenwilligen falschen Schlussfolgerungen, um (eigene oder die Anderer) gewaltsame Handlungen, Übertreibungen einzudämmen oder zu unterbinden. Geht der Handlungsweise Gier, Hass oder mangelndes Nachdenken voraus und man erntet nur Kummer, rutscht man tiefer in die Unwissenheit ab. Als Gegenmittel sollte kontempliert werden, um daraus geeignete Maßnahmen zu entwickeln.
Ahimsa pratishayam tat samnidhau vaira tyagah
Ist die Lebenseinstellung reine Gewaltlosigkeit, endet in ihrer Gegenwart alle Feindseligkeit. Der Konflikt ist in einem solchen Geist gestillt.
Satya pratisthayam kriya phala srayatvam
Wer fest in der Wahrnehmung der Wahrheit gegründet ist, sieht Aktion und Reaktion, Same und Frucht oder Ursache und Wirkung in seiner richtigen Beziehung zueinander.
Asteya pratisthayam sarva ratno pasihanam
Ist ein Yogi in der Wahrheit verankert, so können ihn selbst die schönsten Schätze nicht ablenken.
Brahmacharya pratisthayam virya labhah
Wenn das gesamte Sein sich mühelos mit dem Kosmos und im Sinne des Kosmos bewegt, wird in der Bewegung keine Energie verschwendet, sondern vielmehr erhalten. Dann handelt es sich in Wirklichkeit um Nicht-Bewegung.
Aparigrhasthairye janma kathanta sambhodhah
Erleuchtet die innere Intelligenz den Geist, der standhaft jede Gier zurückweist und zurückgewiesen hat, herrscht innere Zufriedenheit. Es erhebt sich ein Wissen um die Mysterien des Lebens, sein Wie und Warum.
Saucat sva nga jugupsa parair asamsargaham
Wenn regelmäßige innere und äußere Reinigung bewusst durchgeführt wird, - allerdings weder mechanisch noch rituell, - entsteht eine Abneigung der Berührung gegenüber dem eigenen bzw. anderen Körpern. Es erhebt sich eine Art von Respekt.
Sattva sudhi saumanasyai kagrye ndriya jaya tma darsana yogyatvam ca
Diese Art der Reinlichkeit führt auch zur Läuterung des ganzen Wesens, verleiht inneren Frieden, Güte, führt zu Meisterschaft über die Sinne und zur Fähigkeit Selbsterkenntnis zu erlangen.
Samtosad anuttama sukha labhah
Aus Zufriedenheit erwächst Glückseligkeit.
Kaye ndriya siddhir asuddhi ksayat tapasah
Das psychische Feuer, das Geist und Seele von Unreinheiten befreit, hat körperliche, geistige Gesundheit und Vollkommenheit zur Folge.
Svadyayad ista devata samprayogah
Durch Studium der heiligen Schriften wird das Bewusstsein mit seinem begehrten göttlichen Ziel in Einklang gebracht. Dieses Studium vermeidet Ablenkung durch unreine Gedanken.
Samdhi siddhir isvara pranidhanat
Vollkommene Hingabe des Individuums hin zur innewohnenden Allgegenwart führt zur Verschmelzung mit der absoluten Wirklichkeit.
Stiram sukham asanam
Körperhaltungen und Kontemplation (innere Haltung) sollten fest und angenehm sein, wobei der innewohnende absolute Geist (Brahman, Isvara, Gott), die innewohnende Intelligenz, bei allen Handlungen/ Haltungen einbezogen wird.
Prayatna saithilya nanta samapattibhyam
Dieser Zustand/ diese Form der Haltung, sogar Vollkommenheit, kann durch Aufgabe von Anstrengung, Nicht-Gebrauch des Willens sowie durch ein ständig waches Bewusstsein erlangt werden.
Tato dyandya nabhighatah
Darauf folgt eine Immunität gegenüber Angriffen der untrennbaren Gegensatzpaare, wie Schmerz und Freude, Erfolg und Misserfolg usw.
Tasmin sati svasa prasvasayor gati vicchedah pranayamah
Die Unterbrechung bzw. Umkehrung der Ein- und Ausatmung bedeutet eine Förderung körperlicher Energie und eine Regulierung der Lebenskraft auf ein normales gesundes Maß.
Bahya bhyantara stambhavrttir deskala samkhyabhih paridrsto dirgha suksmah
Verschiede Techniken beinhalten ein Halten des Atems nach der Ein- bzw. Ausatmung. Andere Techniken weisen auf eine Verlängerung der Ein- oder Ausatmung oder auf beides hin. Auch die Dauer des Atemhaltens kann von Bedeutung sein, ebenso die Anzahl der Wiederholungen verschiedener Zustände. (Pranayama-Techniken)
Bahya bhyantara visaya ksepi caturthah
Es gibt ein spontanes Aussetzen des Atems, während man etwas Äußeres oder Inneres genau beobachtet.
Tatah ksiyate prakasa varanam
Damit lüftet sich der Schleier des Nicht-Sehens, des Unwirklichen, der das innere Licht verdeckt.
Dharanasu ca yogyata manasah
Der Geist erlangt nun die Fähigkeit sich zu konzentrieren, seine Aufmerksamkeit zu sammeln.
Sva visayasamprayoge citta svarupanukara ive ndriyanam pratyaharah
Es entsteht ein Gefühl von Freiheit, wenn innewohnende Intelligenz und Sinne harmonisch miteinander umgehen, ohne durch Begehren, falsche Beurteilung in eine Beziehung mit Objekten gezogen zu werden. Diese Freiheit ist eine der Quellen der Energie.
Tatah prama vasyate ndriyanam
Aus solcher Energiefülle folgt Vollkommenheit, Meisterschaft über die Sinne.
Desa bandas cittasya dharana
Wenn der Geist ohne Ablenkung auf ein bestimmtes Gebiet gelenkt wird, nennt man es Konzentration.
Tatra pratyayai katanata dhryanam
Wenn die Wahrnehmung auf das Wahrnehmende konzentriert wird, d.h. wo der Beobachtende beobachtet wird, nennt man es Meditation.
Tad eva rthamatranirbhasam svarupa sunyam iva samadhih
Verschmelzen Beobachter und Beobachtetes und bleibt nur Eins als Wirklichkeit übrig, so ist dies wahlfreies Bewusstsein, ungeteilte Intelligenz, die Dualität wird für einen Augenblick überwunden - das ist Erleuchtung.
Trayam ekatra samyamah
Ereignen sich diese drei zusammen, so besteht vollkommene innere Disziplin. Dies kann jederzeit geschehen, nicht nur in der Meditation.
Taj jayat prajna lokah
Wird diese dreifache Disziplin gemeistert, so entsteht Weisheit.
Tasya bhumisu viniyogah
Das Auge der Weisheit oder innere Licht kann auf viele Bereiche gerichtet werden.
Trayam antarangam purvebhyah
Dieses sind rein geistige Übungen, verglichen mit den fünf zuvor beschriebenen, d.h. Disziplin, Gehorsam, Haltung, Übung der Lebenskraft und Nach-innen-wenden.
Tad api bhirrangam nirbijasya
Doch selbst diese sind zusammengenommen nur äußerlich im Vergleich zur Erleuchtung.
Vyutthana nirodha samkarayor abhibhava pradurbhavau nirodha ksana
cittanvayo nirodha parinimah
Hier unterscheidet man wiederum drei Stadien. Zuerst geht es darum, mühelos störende Gedanken auszuschalten. Diese Fähigkeit erwächst dann, wenn der Augenblick, wo Zurückhaltung stattfindet, bzw. die Gedankenbewegung aufhört, bewusst wird und verstanden wurde. Dieses Verständnis gibt die Fähigkeit Gedanken zurückzuhalten.
Tasya prasantavahita samskarat
Zu Anfang ist es mühevoll. Ist die Gewohnheit die Gedanken zurückzuhalten ausgebildet, funktioniert es problemlos und spontan.
Savthathai kagratayoh ksayo dayau cittasya samdhi parinamah
Wenn ablenkende Gedanken nicht mehr störend einwirken können, da sie geschwächt sind und sich der Geist mühelos in eine einzige Richtung bewegt, dann ist er bereit für die Erleuchtung. (das zweite Stadium)
Santo ditau tulya pratyayau cittasyai kagrata parinamah
Sind Ablenkung und Zurückhaltung von Gedanken von gleicher Intensität, wird der Geist still. Es finden weder willentliches Denken noch die Unterdrückung von Gedanken statt. Der Geist entwickelt nun eine mühelose einheitlich gerichtete Bewegung.
Parinama traya samyamad atita nagata jnanam
Aus der Übung der dreifachen inneren Disziplin (Konzentration, Meditation und Erleuchtung gemeinsam) in Bezug auf das Grundprinzip der drei Stadien der Gedankenbewegung (Zurückhaltung, Nicht-zulassen von ablenkenden Gedanken und dem Ruhezustand des Geistes) erlangt man Wissen über Vergangenheit und Zukunft.
Sabda rtha pratyayanam itare tara dhyasat samkaras tat pravibhaga samyamat sarva bhuta ruta jnanam
Sprache, Bedeutung und Begriff sind einander überlagert und bilden Gewohnheitsmuster in der Verständigung. Richtet man die Übung der dreifachen Disziplin auf ihre Unterschiede, lernt man die Laute aller Lebewesen zu verstehen.
Samskara saksatkaranat purva jati jnanam
Richtet man die dreifache Disziplin auf innewohnende Neigungen, kann durch unmittelbare Wahrnehmung dieser Neigungen, Wissen über früheres Dasein erwachsen.
Pratyayasya para citta jnanam
Erkenntnisse über den eigenen Geist führen auch zum Verstehen von Verhaltensweisen anderer Wesen.
Kaya rupa samyamat tad grahya saktti stambhe caksuh prakasa samprayoge ntardhanam
Wenn die dreifache innere Disziplin auf Form und Wesen des Körpers gerichtet wird, kann die Energie erkannt werden, die es ermöglicht mit den Sinnen zu begreifen (z.B. bei den Augen die Lichtwellen). Wenn dieser Energiefluss endet, wird auch die Wahrnehmung unterbrochen, das Bindeglied zwischen Sinnesorgan und Objekt.
Maitryadisu balani
Wird die Übung der dreifachen Disziplin auf Eigenschaften wie ‚Freundschaft‘ gerichtet, wird man auf natürliche Weise diese Eigenschaften entwickeln.
Belesu hasti baladini
Wird die Übung der dreifachen Disziplin auf verschiedene Kräfte gerichtet (z.B. körperliche, geistige, moralische, seelische oder spirituelle), wird man sie in natürlicher Weise weiter entwickeln.
Bhuvana jnanam surye samyamat
Wird die Übung der dreifachen Disziplin auf die Sonne gerichtet, wird Kenntnis über das Universum erworben.
Nabhi cakre kaya vyuha jnanam
Wird die Übung der dreifachen Disziplin auf die Nabelgegend gerichtet, erhält man Kenntnis von der Physiologie des eigenen Körpers.
Kanthakupe ksut pipasa nivrittih
Wird die Übung der dreifachen Disziplin auf die Halsgrube gerichtet, kann man Durst und Hungergefühle überwinden.
(Es gibt noch viele Wahrnehmungen auf die die dreifache Disziplin (Konzentration, Meditation und Erleuchtung) gerichtet werden könnte, doch daraus können sich neue Bindungen ergeben, denen man nur schwer entkommen kann. All diese so genannten Errungenschaften sind nur ein Gradmesser auf dem Weg zur Vollkommenheit.)
Sattva purusayor atyanta samkirnayoh pratyaya viseso bhogah parathatvat svartha samyamat purusa jnanam
Äußere Objekte sind anders als die augenscheinliche Sinneswahrnehmung dies vermittelt. Wo Freude ist, wird auch Leid erfahren und umgekehrt. Wird die dreifach Disziplin auf ein Objekt gerichtet, erfährt man dessen wahren Gehalt, die Unwissenheit wird beseitigt.
Tatah pratibha sravana vedana darsa svada varta jayante
Durch Erkenntnis wird Unwissenheit beseitigt. Daraus erwächst richtiges Wahrnehmen.
Te samadhav upasarga vyutthane siddhayah
All die wundervollen Sinneswahrnehmungen, Gefühle und psychischen Kräfte, die oberflächlich als wünschenswert erscheinen, können zu Hindernissen auf dem spirituellen Weg werden.
Bandha karana saithilyat pracara samvedanac ca cittasya para sarira vesah
Ist die Bindung des Bewusstseins an den Körper gelockert und ein Wissen um den Kanal vorhanden, durch das das Bewusstsein in den Körper eintritt oder sich aus ihm zurückzieht, erwirbt der Geist die Fähigkeit, in einen anderen Körper einzugehen.
Udana jayaj jala panka kantakadisv asanga utkrantis ca
Wird die Vitalkraft, die der Schwerkraft entgegenfließt verstanden, folgen daraus die Kräfte, um z.B. ‚über das Wasser zu wandeln‘ usw.
Bahir akalpita vrttir maha videha tatah prakasa varana ksayah
Über allem steht der Bewusstseinszustand, der Ursprung des eigenen Denkens ist, d.h. die absolute Intelligenz, die unabhängig von Körper und Geist ist. Richtet man die dreifache Disziplin darauf, wird der Schleier der Unwissenheit entfernt.
Stuhula svarupa suksma nvayarthavattra samyamad bhuta jayah
Richtet man die dreifache Disziplin auf die Verbindung zwischen dem Groben (die greifbare Form) und dem Subtilen (das Nicht-Greifbare, das Formlosen), d.h. auf die Verbindung zwischen Beidem, entsteht vollkommene Einsicht in die Elemente.
Graha svarupa nvayarthavattva samyamad indriya jayah
Richtet man die dreifache Disziplin auf die Funktion der Sinne (ihre Fähigkeit, ihre bruchstückhafte Natur, ihre gegenseitige Beziehung, ihre Bedeutung und ihr Verhältnis zur absoluten Intelligenz), erlangt man ein Verstehen darüber und wird sie zu beherrschen lernen.
Tato manojavitvam vikaranabhavah pradhana jayas ca
Aus diesem Verständnis entwickelt sich ein unmittelbares Wahrnehmen und richtiges Verstehen, ohne dass die Sinnesorgane involviert werden. Es entsteht ein Eins-sein mit der Natur.
Sattva purusa nyata khyatimatrasya sarva bhava dhisthatrtvam sarv jantrtvam ca
Diese unmittelbare Erkenntnis, unabhängig von den Sinnesorganen und ihren Bedingungen, ermöglicht eine Schau aller Seinszustände. – Das bedeutet Freiheit, Unabhängigkeit.
Sthany upanimantrane sanga smaya kararnam punar anista prasangat
Aufforderungen zur Demonstration besonderer Kräfte oder Merkmalen der Erleuchtung werden stets zurückgewiesen. Ein zur Schaustellen könnte ein Rückfall in Dualität, Überlegenheit oder andere unerwünschte Folgen nach sich ziehen.
Ksana tat kramayoh samyamad vivekajam jnanam
Durch Übung der dreifachen Disziplin auf die Wahrheit des Augenblicks, - ohne Einmischung von Gedanken, die eine Abfolge von Zeit verursachen, - erwächst ein Verständnis für eine richtige Beurteilung (Unterscheidungsfähigkeit), was wahr und was unwahr ist.
Jati laksana desair anyata navacchedat tulyayos tatah pratipattih
Aus Verstehen erwächst das Wissen zur Unterscheidungsfähigkeit, auch wenn alles - oberflächlich betrachtet - gleich zu sein scheint.
Tarakam sarva visayam sarvatha visayam okramam ce ti vivekajam mnanam
Aus intuitivem Verstehen geborene Weisheit bringt Erlösung. Sie ist alles, hat alles und umfasst alles, ungeteilte Intelligenz.
Sattva purushayoh suddhissamye kaivayam
Wenn schließlich reine Ausgeglichenheit besteht, eine Einheit mit allen sichtbaren und unsichtbaren Objekten bewusst gespürt wird, aufsteigende Gedanken als nicht störend in die ungeteilte Wahrnehmung einbezogen und gar als Segen gesehen werden, wird dies als absolute Freiheit empfunden. Es gibt nichts Schöneres.
Janmau sadhi mantra tapah samadhijah siddhayah
Fähigkeiten entwickeln sich nicht nur durch die dreifache Disziplin, sondern können auch durch Mantras, Kräuter entwickeln oder angeboren sein.
Jaty antara parinamah prakritya purat
Angeborene Begabungen sind nicht zufällig, denn eine Geburt wird durch Charakter oder Eigenschaften bestimmt und bestimmen das ganze Leben.
Nimittam aprayojakam prakritinam varana bhedas tu tatah ksetrikavat
Veränderungen im Leben werden nicht durch Neues, sondern durch Entfernung von dessen bestimmt, was der Verwirklichung im Wege steht. Die neue Übung ist ein Katalysator, sonst wäre sie nutzlos. Die unterschiedlen Menschen treffen unterschiedliche Entscheidungen, entsprechend ihrem Wesen. Das mögliche Ergebnis ist bereits in ihren Genen vorhanden.
Nirmana cittany asmita matrat
Der Versuch, neuen umwandelnden Einfluss zu erwirken, führt zu weiteren Barrieren und beeinflusst die Denksubstanz in negativer Weise. Diese Art der Einflussnahme beruht auf Egoismus.
Pravritty bhede prayojakam cittam ekam anekesam
Alle inneren Bilder sind Projektionen des Egos in der Denksubstanz, und obwohl sich die Bilderfolge und Gefühle durch Übung verändern, gaukeln sie nur einen scheinbaren Fortschritt vor.
Tatra dhyanajam anasayam
Darum ist aus Meditation geborene Bildlosigkeit das Beste, - denn sie schafft sich selbst keinen Nährboden, hinterlässt keine Eindrücke in der Denksubstanz.
Karma sukla krsnam yoginas trividham itaresam
Die bildlosen Handlungen der Yogis sind daher weder rein noch unrein.
Tatas tad vipaka nugunanam eva bhivyakttir vasananam
Die inneren Bilder, und die daraus resultierenden Handlungen färben den Geist, schaffen Neigungen, um bei günstiger Gelegenheit in Erscheinung zu treten.
Jati desa kala vyavahitanam apy anantaryam smriti samskarayor eka rupatvat
Der Zusammenhang zwischen Handlung, Neigung im Verhalten und Erscheinung meist unklar, besonders wenn Ursache, Ort und Zeit voneinander getrennt ist. Doch sind latente Eindrücke (Neigungen) und Erinnerungen ihrem Wesen nach identisch.
Tasam anaditvam ca siso nityatvat
Man kann ihren Zusammenhang kaum analysieren. Es führt zu nichts. Erinnerungen und Neigungen haben keinen Anfang, denn der Wunsch zu leben ist fortdauernd.
Betu phala sraya lambanaih grihitatvad esa bhava tad abhavah
Neigungen stehen in direkter Beziehung von Ursache und Wirkung (als Ursache von Unwissenheit). Diese Unwissenheit ist für ihr Fortbestand verantwortlich. Diese Neigungen verschwinden, wenn das Wissen um die Wahrheit in den Vordergrund tritt.
Atita nagatam svarupato sty adhva bhedad dharmanam
Dies bedeutet nicht, dass durch Erkenntnis (Wissen) Neigungen der Vergangenheit und Zukunft aufgehoben wären, denn jedes Wesen muss, entsprechend seinen charakterlichen Fähigkeiten, seinem individuellen Lebensweg folgen.
Te vyaktta suksma gunatmanah
Die verschiedenen Lebenswege sind den unterschiedlichen Charakteren der Wesen begründet. Diese Eigenschaften können subtil oder augenscheinlich sein.
Parinamai katvad vastu tattvam
Die Welt ist ständigem Wandel unterworfen. Doch es gibt eine Substanz, die diesem Wandel nicht unterliegt.
Vastu samve citta bhedat tayor vibhakttah panthah
Die Welt der Materie ist neutral, kennt weder gut noch böse, weder schön noch hässlich. Diese Sichtweise entsteht nur aufgrund einer mometanen Einstellung, mit der man Dinge betrachtet.
Na cai ka cittatantram vastu tad aprmanakam tada kim syat
Die Existenz von Objekten hängt nicht von einem einzigen Bewusstsein ab, für die sie scheinbar existieren. Auch nicht wahrgenommene Objekte existieren, hören also nicht auf zu existieren, auch wenn sie nicht wahrgenommen werden.
Tad uparaga peksitvac cittasya vastu jnata jnatam
Es hängt von den Sinnen, und damit vom individuell gefärbten Denkorgan ab, ob ein Objekt wahrgenommen wird oder nicht. Objekte bleiben dabei unberührt, egal ob sie wahrgenommen werden oder nicht.
Sada jnatas citta vrittayas tat prabboh purusasya parinamitvat
Alle Veränderungen, Bewegungen, Gefühle des Geistes sind der inneren absoluten Intelligenz bekannt.
Na tat svabhasam drisyatvat
Das individuelle Denkorgan ist nicht selbstleuchtend oder kann sich selbst erkennen. Die zuvor beschriebenen Veränderungen usw. des Geistes werden nur vom inneren Licht bzw. der innewohnenden Intelligenz wahrgenommen.
Ekasamaye co bhaya navadharanam
Das Denkorgan ist weder das Erkennende noch das Erkannte, weder der Beobachtende noch der Beobachtete, denn sonst gäbe es keien vernunftmäßige Erkenntnis.
Citta ntara drisye buddhi buddher atiprasangah smriti samkaras ca
Selbst ein zweites Bewusstsein – das Beobachtende und das Beobachtete – ist unlogisch. Wer will dann Unterscheiden? Beide beruhen auf derselben Intelligenz. Dies würde außerdem zum Durcheinander der Ordnung und zur Verwirrung führen.
Citer apratisamkramayas tad akara pattau sva samvedanam
Die ungeteilte absolute Intelligenz, in dem es keine Gedankenbewegungen gibt, ist sich seines eigenen leuchtenden Wesens und scheinbarer Gedankenbewegungen bewusst.
Drastri drisyo prakttam cittam sarvatham
Dasselbe Bewusstsein übernimmt die Rolle des Beobachtenden, und dasselbe Bewusstsein beobachtet dann die Färbung im Denken, das zum Beobachteten wird – Subjekt und Objekt: Es ist alles gleichzeitig. Darum ist das Selbst nichts weiter als eine Idee.
Tad asamkhyeya vasanabhis citram api parartham samhatyakaritvat
Obwohl das Bewusstsein in seinen Handlungen durch zahlreiche und verschiedenartige Neigungen motiviert wird, existiert und funktioniert es in Wirklichkeit für etwas Anderes. Es wirkt zusammen mit der ungeteilten innewohnenden Intelligenz. Das scheinbar individuelle Bewusstsein ist weder von der absoluten innewohnenden Intelligenz getrennt noch trennbar.
Visesa darsina atmabhava bhavana vinivrrittih
Wer das zuvor Beschriebene klar erkennt, ist von der falschen Vorstellung vom Selbst befreit. Dann fließt das gesamte Bewusstsein der Weisheit, der Selbstverwirklichung, einer vollkommenen Freiheit entgegen.
Tac chidresu pratyaya ntarani samskarebhyah
Das Gewahrsein unendlicher Freiheit kann immer wieder durch Gedanken aus der Vergangenheit unterbrochen werden. Alte Gewohnheiten sind zudem eine Quelle des Leidens. Diese Gewohnheiten müssen ebenfalls durchbrochen werden.
Prasamkhyane py akusidasya sarvaha viveka khyater dharma meghah samdhih
Wenn das Interesse an Wissen und weiteren Erfahrungen versiegt ist und ständiges Selbstgewahrsein vorherrscht, kommt ein Zustand der Erleuchtung.
Tatah klesa karma nivrittih
Wenn auf die beschriebene Ordnung in den Geist eingekehrt ist, werden alle Handlungen, die seelisches Leid verursachen könnten, vermieden.
Tada sarva varana malapetasya jnanasya nantyaj jneyam alpam
Alle Schleier der Unreinheit wurden entfernt. Es bleibt wenig, was es zu erkennen oder erfahren gilt, denn alle Objekte werden als bedingt und endlich erkannt.
Tatah kritarthanam parinamakrama samaptir gunanam
Jene, die das verwirklichten, haben ihr Lebensziel erreicht. Damit endet die anfanglose Folge von Veränderungen der Eigenschaften von Dingen, Bedingtheiten usw., die immer wieder falsch verstanden werden.
OM TAT SAT